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04/2022 Ornamental

BAUEN

Aufgespannter Regenschirm

Seit 1899 prägt der Gasometer das Ortsbild von Schlieren und ist über die Jahre zum Wahrzeichen der Stadt geworden. Weil das stillgelegte Industriebauwerk aber mittlerweile stark rostet, wird es seit diesem Jahr mit einem Dachschirm vor Regen geschützt.

Text Dorothee Bauland | Bilder Zaugg AG Rohrbach

 

Ursprünglich gab es im alten Gaswerk der Stadt Schlieren vier Teleskopgasbehälter. Übriggeblieben ist nach der Stilllegung des Werks in den 1970er Jahren nur ein Gasometer, der mit seiner Höhe von 35 Metern zum Wahrzeichen der Stadt geworden ist. Der Heimatschutz rettete diesen Gasometer Nr. 1 – schweizweit der letzte seiner Art – vor dem Abriss und liess ihn bis 2005 renovieren. Doch durch die Witterung wurde das mittlerweile unter Denkmalschutz stehende Wahrzeichen zunehmend vom Rost zerstört.

Temporärer Schutz
Um das Bauwerk erhalten zu können, waren bereits erste Anstrengungen unternommen worden; doch der Versuch, die Konstruktion mit einem Rostschutzanstrich vor weiterer Korrosion zu bewahren, brachte nicht den erwünschten Erfolg. Nun soll ein Dach, das aussieht wie ein aufgespannter Schirm, den Behälter vor Regen schützen. Die Kosten von rund 2,2 Millionen Franken für den Rettungsschirm wurden vom Zürcher Regierungsrat genehmigt. Die Vorgaben bestimmte die Kantonale Denkmalpflege des Kantons Zürich: Der Eingriff am Bestandsbau durfte nur minimal ausfallen, da das Dach den Gasometer nur temporär schützen soll. Ein Rückbau muss machbar sein und kaum Spuren hinterlassen. Damit soll zu einem späteren Zeitpunkt die Möglichkeit bestehen, den Gasometer nach neuesten technischen Erkenntnissen sanieren zu können, ohne dass die jetzigen Eingriffe dies verunmöglichen würden.


Auch die Farbgebung – die Wahl fiel auf ein dezentes Grau für die Membrane – und die Detailplanung erfolgten seitens der Planer in enger Absprache mit der Kantonalen Denkmalpflege. Dabei tauschten sich die Baubeteiligten über die auszuführenden Details an Sitzungen aus, die alle zwei Wochen vor Ort beim Gasometer stattfanden. Eine der Herausforderungen bei diesem Projekt bestand darin, dass die Lage der Stützen bereits gegeben war. Die Dachkonstruktion musste entsprechend den Gegebenheiten sehr präzise ausgeführt werden. Um diese Genauigkeit zu erreichen, wurde vor der Werkstattplanung eine zusätzliche Gebäudeaufnahme vor Ort gemacht. An den regelmässig durchgeführten Koordinationssitzungen nahmen die Planenden der Gewerke Holz- und Stahlbau sowie Membranbau teil, um sich über alle Informationen und deren gegenseitigen Abhängigkeiten auszutauschen. Alle Beteiligten konnten zudem auf das IFC-Modell der Werkstattplanung zugreifen.


Kuppelkonstruktion

Mit der Ausführung des «Rettungsschirms» wurde die Zaugg AG Rohrbach beauftragt. Sie errichtete dieses Frühjahr über dem Gasballon eine Holzkonstruktion, die als Unterbau für eine gespannte Membrane dient. Diese wiederum schützt den Gasometer vor eindringendem Wasser und damit vor weiterer Korrosion. Das Dach ist als eine in sich stabile Kuppelkonstruktion mit einem Gesamtdurchmesser von 50,5 Metern konzipiert. Hohlprofile aus Stahl nehmen die Ringzugkraft auf und dienen gleichzeitig als Auflager für die Sparren (Fichte?/?Tanne). Der Anschluss des Daches erfolgt ausschliesslich am Zugring. Der Zugring wurde mithilfe von Stahlkonsolen an den bestehenden Stahlpfosten (Primärpfosten) verschraubt. Die Lage der Sparren ist auf die Knoten der Fachwerkträger des Umgangs abgestimmt. Daraus resultieren sieben Träger pro Feld, also je zwei Hauptsparren (Festigkeitsklasse GL28k) und fünf Zwischensparren (GL32k). Für die Stabilisatoren kamen Hölzer der Festigkeitsklasse GL24k zum Einsatz. Der einzige Eingriff am Bestand sind die elf Bohrungen an den Primärpfosten.


Auskragendes Dach

Der Schirm kragt sechs Meter über den Rand des Gasometers aus. Die Kuppel hat ein Stichmass von rund fünf Metern, die Sparren sind parabolisch und in ihrer Höhe variabel. Sämtliche Sparren wirken hauptsächlich als Druckstäbe und treffen sich im zentralen Knoten. Der Anschluss an den zentralen Knoten erfolgte auf Kontakt und ist durch Bauschrauben gesichert. Die Druckkraft wird dort durch einen Druckring aus Stahl aufgenommen. Bedeutende Biegemomente treten lediglich im Bereich der Auskragung auf. Aus diesem Grund sind die Sparren in diesem Bereich stärker dimensioniert. Die Aussteifung erfolgt an den Hauptsparren – links und rechts der Stützen – anhand von Mehrschichtplatten, welche die Kräfte direkt in die Stahlstützen leiten.


 Die Montage wurde jeweils in Segmenten vollzogen, die vorab innerhalb von fünf Wochen von drei Zimmerleuten gefertigt wurden. Weitere vier Wochen und vier Zimmerleute nahm die Montage in Anspruch. Dabei wurden die vorgefertigten Segmente zunächst am zentralen Knoten aufgelegt, um sie dann am Zugring zu befestigen. Der zentrale Knoten wurde während der Aufrichte mit einem Gerüstturm in der Lage gehalten. Nach dem Zusammenschluss sämtlicher Sparren konnte der zentrale Knoten abgesenkt werden. Auch die Stahlbauarbeiten, die ebenfalls durch die Zaugg AG Rohrbach ausgeführt wurden, nahmen einige Zeit in Anspruch: Vier Mitarbeitende verarbeiteten vorab innerhalb von sechs Wochen rund 57 Tonnen Stahl und waren dann noch weitere zwei Wochen auf der Baustelle im Einsatz.


Sicherheit mit Seilzügen

Bei den Montagearbeiten auf dem Dach des Gasometers stand für die Zaugg AG Rohrbach auch die Arbeitssicherheit im Fokus: Gearbeitet wurde immer mit mindestens zwei gespannten Seilzügen: Die Monteure waren jederzeit mit einer über Kopf gespannten Sicherungsleine und zusätzlich mit der persönlichen Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) gesichert.

Nach Fertigstellung der Dachkonstruktion waren die Fachleute der deutschen Koch Membranen GmbH am Zug: Sie bespannten das hölzerne Schirmgerüst mit einem PVC beschichteten Polyestergewebe mit beidseitiger PVDF-Beschichtung. Diese graue, transluzente Membrane dichtet die Holzkonstruktion ab, lässt das Licht durchschimmern und schützt den Gasometer vor der Witterung. Damit es an heissen Tagen keinen Hitzestau unter der Membrane gibt, ist in der Mitte beim Zentralring eine Entlüftung vorgesehen.


Dach Gasometer Schlieren

Projekt: Überdachung Gasometer, Schlieren (ZH)
Bauherrschaft: Stiftung Gasometer Schlieren
Baujahr: 1899 (Bestand), 2022 (Schutzdach)
Projektverfasser: Conzett Bronzini Partner AG, Chur
Bau- und Projektleitung: Architekturbüro Herbert Bruhin, Siebnen (SZ)
Holzbau: Zaugg AG Rohrbach, Rohrbach (BE)
Membraneningenieur: Alfred Rein Ingenieure GmbH, Stuttgart (DE)
Membranbau: Koch Membranen GmbH, Rimsting / Chiemsee (DE)
Baukosten gesamt: CHF 2,2 Mio.
Holzart- und Menge: 35 m³ BSH GL32c, 95 m³ BSH GL28k, 25 m³ BSH GL24k
Kosten Holzbau: CHF 600 000.–


Zaugg AG Rohrbach

1936 gründete Ulrich Zaugg sein Unternehmen in Ursenbach (BE). Heute ist der Betrieb noch immer in Familienhand. Mittlerweile wird das Unternehmen in Rohrbach von seinen Enkeln Stephan Zaugg und Martin Zaugg geführt. Die Abteilung Bau mit Zimmerei und Schreinerei realisiert Gewerbe- und Industriehallen, Wohn- und Spezialbauten sowie landwirtschaftliche Gebäude und Reithallen. Bewegt wird in den Bereichen Krantechnik, Schwer- und Spezialtransporte, Stahlbau und Spenglerei, Industrieumzüge, Hebebühnen und Stapler. Ausserdem ist das Unternehmen im Bereich Bodenschutz für Baupisten, Parkplätze und Events im Einsatz. Durch das enge Teamwork der Planer, Techniker, Zimmerleute, Schlosser, Spengler, Schreiner und Chauffeure kann das Unternehmen seinen Kunden auch bei komplexen Projekten eine massgeschneiderte Lösung anbieten. zaugg-rohrbach.ch