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06/20

BAUEN

Bereit zum Minimum

Im einfachen Holzverschlag lagerte einst das Holz für die Konditorei. Die Jahre zehrten an ihm, und der Architekt stabilisierte zunächst die Pfosten. In einem nächsten Schritt füllte er das kleine Volumen mit viel Wohnraum.

Text Sue Lüthi | Fotos Florian Amoser | Pläne Lukas Lenherr Architektur

 

Der windschiefe Schuppen trug einst den Titel «Schilte Siebni», eine nicht gerade schmeichelhafte Bezeichnung für das kleine Wirtschaftsgebäude. Inzwischen ist das Haus auf genau dem Flecken Erde mitten im Dorf Jonschwil bei Wil (SG) aber ein «Trumpf-Buur». Architekt Lukas Lenherr hat aus der Miniparzelle das Maximum herausgeholt und ein modernes Einfamilienhaus realisiert.


Auf dem quadratischen Grundriss von sechs auf sechs Metern steht nun ein kleines Haus mit 99 Quadratmetern Wohnfläche. Drei Zimmer mit Nasszellen sind so übereinandergestapelt, dass sich ein vertikal und dabei spiralförmig nach oben verlaufender Lebensraum durch alle Stockwerke hindurch öffnet. So geht kein wertvoller Raum durch Korridore verloren, die Räume sind doch miteinander verbunden und Licht fällt aus unterschiedlichen Richtungen hinein. Grosse Fenster blicken auf alle Seiten hinaus und schaffen Bezüge zur nahen Umgebung.


Kompromisse als Teil des Konzepts

Wie die ursprüngliche Remise hat heute auch das Einfamilienhaus einen eigenwilligen Charakter. Ihm fehlt das «Gärtli», der typische Abstand zum Nachbarn und zum öffentlichen Raum. Es steht mitten im Dorf, direkt an der Strasse und kommuniziert selbstbewusst die räumliche und die soziale Verdichtung. Das Projekt zeigt vor, wie im Dorfkern gewohnt werden kann, wenn man bereit ist, Kompromisse einzugehen.


Die Kompromisse sind Teil des Konzepts. Wegen des Grundwasserspiegels gibt es kein Untergeschoss und somit keine Stauräume, was die Bewohner zu einem Minimum an Besitztum anhält. Die Haustechnik ist in einem Schrank im Waschraum versorgt, und einen Parkplatz gibt es nicht. Das kleine Volumen ist dafür auch schnell geheizt. Im einfach geschliffenen Unterlagsboden liegt eine Bodenheizung, die von einem Holzofen unterstützt wird.


Sichtbare Verbindungen

Die Tragstruktur des Schuppens, in dem früher das Holz für die Konditorei lagerte, wurde zuerst einmal stabilisiert. Erst bei der Umnutzung wurde die alte Bretterschalung von aussen neu eingepackt: mit Lärchenhölzern auf einer Hinterlattung (30×30 mm / 60 mm), dem Wetterpapier, einer Holzfaserdämmung (160 mm) und der Dampfbremse. Später wird das Holz verwittern und das Schraubenbild hervordringen. Die Konstruktion und die Verbindungen sind offen dargelegt und nachvollziehbar, als sollte der Bewohner sein Haus selbst demontieren können.


Hier setzt bei diesem Objekt der Gedanke der Nachhaltigkeit an: Die Bauteile sind so versetzt worden, dass sie wiederverwertet werden können. Unbehandelte Fenster aus Föhre, Fensterläden mit schnörkellosen Beschlägen, keine Vorsprünge, keine Nischen. Im Hausinneren prägt die durch grosse Deckenöffnungen sichtbare Tragstruktur den Eindruck. Auch hier: Stützen, Balken, Verkleidungen, Schrauben, eine Betondecke mit sichtbarem Bodenaufbau, im Dachgeschoss ein nackter Brettschichtboden. Die Bauteile sind naturbelassen, einfach zu ersetzen und wieder verwendbar. Es gibt kein Aluminium und kaum Silikate. Die Küchengeräte stammen von einer Bauteilbörse und sind in das Gestell aus Birkensperrholz mit einseitigem Siebdruck integriert worden. Die Treppe steht im Raum wie ein Möbel, und als Absturzsicherung hängt das ursprüngliche Netz eines Katamarans.

Das Haus steht beispielhaft für die Architektur von Lukas Lenherr. Er reagiert auf soziale und klimatische Herausforderungen mit Wiederverwendung, Verzicht, Rückbau und einer klimafreundlichen Umsetzung. Für ihn lagern Orte Erinnerungen und Geschichten ab und diese sollen weitererzählt werden. Das ist mit dem Umbau der kleinen Remise gut gelungen. Trotz der Verwandlung in ein Wohnhaus für eine vierköpfige Familie hat sie nicht den Charakter eines funktionalen Gebäudes verloren: ein Haus zum Anfassen. Vielleicht macht es dies so sympathisch. lukaslenherr.ch
 

Ein kleines Haus

Projekt: Umbau zum Einfamilienhaus,
Jonschwil (SG)
Fertigstellung: 2019
Bauherrschaft: privat
Architektur: Lukas Lenherr Architektur, Zürich
Holzbauingenieur: Besmer Holzingenieure GmbH, Sattel (SZ)
Holzbau: A. Huser Planung + Holzbau GmbH, Bazenheid (SG)
Gesamtkosten BKP 1–9: CHF 438?500.–
Gebäudevolumen: 406 m3
Bruttogeschossfläche: 56 m2


A. Huser Planung + Holzbau GmbH

Das Familienunternehmen wurde 1969 von August und Vreni Huser gegründet und wird heute in Bazenheid (SG) als A. Huser Planung + Holzbau GmbH geführt. Die Firma wurde nach und nach vergrössert und beschäftigt heute 15 Mitarbeitende. Letztes Jahr gesellte sich die Huser Immo + Plan GmbH für die Realisierung von Generalunternehmer-Aufträgen zum Portfolio. Das Unternehmen führt hauptsächlich Aufträge in der Region St. Gallen, Thurgau und Zürich aus. Die Firma A. Huser Planung + Holzbau GmbH bietet ganze Holzelementhäuser aus eigener Produktion, Dachkonstruktionen, Hallenbauten, aber auch Schreinerarbeiten sowie Photovoltaik- und Minergie-Beratungen an. holzbau-huser.ch


Bauteilbörsen

Die Küchengeräte im Haus in Jonschwil stammen alle, bis auf das Kochfeld, aus der Bauteilbörse Basel. Lukas Lenherr sucht für seine Bauten gerne einzelne Teile von der Börse. «Man muss halt bei der Planung flexibel sein», sagt er. Gerade in der Küche ist es aber gut möglich, Einzelstücke von der Börse zu integrieren, da die Geräte normiert sind. An den Börsen findet man aussortierte Waren mit kleinen Fehlern, aber auch
überzählige oder falsch bestellte oder falsch gelieferte neue Stücke, zum Teil noch mit Garantie, zu günstigen Preisen. Auch Dinge aus Abbruch­objekten sind dort zu finden. Im Häuschen in Jonschwil hätte Lukas Lenherr gerne alte Türen vom Bauteilelager der Denkmalstiftung Thurgau eingebaut, doch er fand nicht die richtige Grösse. bauteilclick.ch, denkmalstiftung-thurgau.ch/bauteilelager-schoenenberg.html