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05/2019 Aufgestockt

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Die Brücken von Biel

Vor dem Bieler Bahnhof türmt sich eine Kunstinstallation – gezimmert aus Sperrholzplatten und Paletten, verbunden mit zwei Brücken aus Holz. Umgesetzt wurden die Tragwerke von acht Studierenden der Berner Fachhochschule aus dem Abschlusssemester des Bachelor of Science in Holztechnik.

Text und Fotos Sandra Depner

Lässig lehnen sie sich ans Geländer und blicken mit entspanntem Gesichtsausdruck auf die immer grösser werdende Menschentraube hinab. Die Zimmermänner Philipp Umiger (23) und Christian Arnold (26) stehen auf der grossen Holzbrücke, die auf dem Bieler Bahnhofsplatz über den Köpfen der Passanten zwei Kon-
struktionen aus Sperrholz und Paletten miteinander verbindet. Sie tragen die schwere, schwarze Kluft und ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Es ist der 21. Mai 2019, einer der ersten heissen Frühsommertage in Biel. Für 17 Uhr ist das Richtfest terminiert. In wenigen Minuten also startet der offizielle Teil, der das Ende der dreimonatigen Projektarbeit einläutet, die hinter den angehenden Holzbauingenieuren liegen: Umiger und Arnold studieren Holztechnik an der Berner Fachhochschule (BFH) und haben in ihrem Abschlusssemester mit sechs weiteren Studierenden die zwei Holzbrücken als Bindeglieder für die Robert-Walser-Skulptur (siehe Info-
Box) realisiert.

Es ist schon kurz nach 17 Uhr, als die Menschen unter der Brücke langsam ungeduldig werden. Umiger und Arnold haben sich nun über das Geländer der Brücke geschwungen, hinter ihnen steht der mit blauen und gelben Bändern geschmückte Richtbaum. Sie halten jeder ein Glas Weisswein in der Hand, die Fotografen sind bereit, die Linsen der Videokameras und Handys auf die zwei Zimmerleute gerichtet. Dann holt Umiger tief Luft und spricht über die lärmige Geräuschkulisse des Bahnhofs hinweg: «Die Feierstunde hat geschlagen, es ruhet die geübte Hand. Nach harten, arbeitsreichen Tagen grüsst stolz der Richtbaum nun ins Land.» So beginnt der traditionelle Richtspruch, den Umiger für diesen besonderen Anlass noch modifiziert hat. Der Zimmermann spricht darin einen grossen Dank aus: dem Auftraggeber, dem Installationskünstler Thomas Hirschhorn und der Berner Fachhochschule, die das Projekt für ihn und seine Teamkollegen erst möglich machte.

Die Projektarbeit bestand darin, zwei Holzbrücken zu realisieren, die zur Ausstellungsfläche passen und die statischen sowie wirtschaftlichen Vorgaben erfüllen. In der ersten Phase der Realisierung erstellten sie Vorstudien und Entwürfe zur Konstruktionsweise der Brücken. Mit der Präsentation von drei finalen Entwürfen, inklusive Vorbemessung, Kostenschätzung und Montagekonzept, bestimmten sie das definitive Vorgehen. In einer zweiten Phase arbeiteten die Studierenden den Entwurf aus, erbrachten den statischen Nachweis und bestellten die benötigten Materialien. Die Brücken wurden im Technopark der BFH in Biel vorgefertigt, in einem Stück zum Bahnhof transportiert und von den Studierenden am Abend vor dem Richtfest montiert.

Bei der kleineren Brücke, die über den Taxistand führt, handelt es sich um eine genagelte Brettstapel-Konstruktion: sieben Meter lang und 1,8 Meter breit. Die grössere Brücke direkt vor dem Bahnhofseingang ist eine Version der «Da-Vinci-Brücke», als Hommage an den Todestag des Ingenieurs Leonardo da Vinci konzipiert. Sie ist zehn Meter lang und etwa 2,8 Meter breit. Beide Brücken sind aus Schweizer Holz gefertigt. Die Probe aufs Exempel machten die Studierenden übrigens auf dem Areal der BFH: Kurz vor dem Montagetransport testete das Team die vormontierte Brücke mit 50 Studierenden, die sich gleichzeitig auf ihre Brücke wagten. Test bestanden.

«Der enge Zeitrahmen war sicher eine Herausforderung», sagt Umiger, der im Team die Arbeitsvorbereitung leitete. «Am Ende waren wir sogar schneller als geplant.» Ein Aspekt, der auch dem Auftraggeber aufgefallen ist: «Ich bin begeistert von dem Elan der Studierenden», schwärmt der Künstler Hirschhorn am Rande des Richtfestes.

«Nun ist das Glas wohl ausgeleert, und weiter für mich nichts mehr wert. Drum werf ich es zu Boden nieder, zerschmettert braucht es keiner wieder. Doch Scherben bedeuten Glück und Segen, der Bauherrschaft auf allen Wegen.» Mit diesen Worten lässt Zimmermann Umiger den Richtspruch ausklingen. Er und Arnold trinken in grossen Schlucken das Weinglas aus – und werfen es zu ihrer Rechten auf ein freies Baufeld der Ausstellungsplattformen.

ahb.bfh.ch/holz

Robert-Walser-Skulptur

Die Robert-Walser-Skulptur steht im Rahmen der Schweizer Plastikausstellung bis zum 8. September 2019 auf dem Bahnhofplatz in Biel. Die dem gleichnamigen Bieler Schriftsteller gewidmete Kunstinstallation lädt ein, ihn und sein Werk zu entdecken. Die Installation ist auf drei Plattformen aufgeteilt, um den freien Zugang zum Bahnhof für Fussgänger und Taxis zu ermöglichen. Künstler Thomas Hirschhorn fragte für eine Zusammenarbeit bei der Berner Fachhochschule an. Folgende acht Studierende im Bachelorstudiengang Holztechnik beteiligten sich daran: Jonas Amstutz, Christian Arnold, Andrea Balmelli, Zoe Ferrari Castelli, Patrick Javet, Luca Jeannerat, Mathias Schilliger und Philipp Umiger. Betreut wurde das Projekt von den Dozierenden Dr. Cornelius Oesterlee, Leiter Studiengang Bachelor Holztechnik, und Dr. Christophe Sigrist, Professor für Ingenieurholzbau und Stahlbau. Als Sponsoren engagierten sich unter anderem die Schilliger Holz AG, die ITW Haubold Pasdole GmbH, Rothoblaas und die Kran-Hag AG. robertwalser-sculpture.com