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07/2022 Die Chefin

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Die Chefin

«Frauen müssen sich immer erst beweisen. Erst dann werden sie als Firmenchefin im Handwerk ernst genommen», sagt Chantal Brauchli. Mit Anfang 30 hat sie die Brauchli AG Luzern in fünfter Generation übernommen. Sie gehört zu den wenigen Frauen in der Schweiz, die einen Holzhandwerksbetrieb führen. Welche Herausforderung diese Rolle mit sich bringt und warum sie als Frau oft ein dickes Fell in der Branche braucht, darüber spricht sie im Interview.

Text Sandra Depner | Bilder Claudia Reinert


Frau Brauchli, Sie haben im Januar 2021 als neue Inhaberin die Brauchli AG Luzern von Ihrem Vater übernommen. Blicken wir einmal zurück: Wie verlief Ihr erstes Jahr?
Chantal Brauchli: Für mich war es ein intensives, aber schönes erstes Jahr. Ich konnte alles alleine entscheiden und Verantwortung übernehmen – das war und ist ein gutes Gefühl. Womit keiner gerechnet hatte, war die Rohstoffkrise. Ich übernehme frisch einen Familienbetrieb und werde mit einem Mal mit Lieferengpässen konfrontiert. Ich bin der Meinung, dass in Krisen der Frauenbonus hilft: Frauen kommunizieren mehr. Und ich habe mit meinen Mitarbeitenden viel gesprochen. Auch mit Kunden, die viel Verständnis für die höheren Preise zeigten.


Sie haben den Frauenbonus angesprochen. Der scheint sich im Holzbau noch nicht besonders etabliert zu haben. Noch immer stellen Frauen eine Minderheit dar. Was hat Sie an die Spitze des Holzbaubetriebs geführt?

Ich bin mit dem Handwerk gross geworden. So ist das, wenn man in einem Familienbetrieb aufwächst. 2013 stieg ich eher zufällig in den Betrieb ein, im kaufmännischen Bereich. Über die Jahre hinweg habe ich mich eingearbeitet, mich weitergebildet, Kunden und Mitarbeitende immer besser kennengelernt. Und irgendwann kam der Punkt, da dachte ich mir: «Ich kann das genauso gut wie mein Vater.»

Sind Sie als Frau im Handwerk mit Vorurteilen konfrontiert?

Ja, ständig. Zum Beispiel bei Geschäftstreffen: Da meinen manche Gesprächspartner, ich sei die Sekretärin. Sie kommen nicht auf die Idee, dass sie mit einer Frau verhandeln könnten. Oder andere Männer geben mir Ratschläge zu meinem Äusseren. Ich wurde schon gefragt, ob ich nicht meine Haare braun färben wolle. Das wirke angeblich seriöser (lacht). In anderen Momenten wird meine Kleidung kommentiert, wenn ich zu geschäftlichen Anlässen ein Kleid trage. Da frage ich mich schon ernsthaft, wann der Anzug eines Mannes kommentiert wird. Oder man hört Sprüche wie «Du bist ja nur eine Frau». Das kann ich dann nicht unkommentiert lassen: «Ja, ich bin eine Frau. Das ‹nur› kannst du aber weglassen.» (lacht).

Sie nehmen diese Vorfälle mit Humor und geben Konter. Dennoch: Das klingt so, als müssten Sie sich an der Spitze eines Handwerksbetriebs als Frau immer wieder beweisen.

Das ist schon so, ich muss meine Kompetenz unterstreichen. Zum Beispiel, wenn ich neue Geschäftspartner kennenlerne. Wenn ich mich meinem Gegenüber als Inhaberin einer Zimmerei und Schreinerei vorstelle, dann gibt es eine Frage, die mir meine männlichen Kollegen immer wieder stellen: «Was hast du denn gelernt?» Anfangs verfiel ich in die komische Vorstellung, ich müsste mich in meiner Position erklären. Erklären, dass ich das Handwerk nicht gelernt habe, aber aus der Betriebswirtschaft komme und durchaus wisse, was ich da tue. Wenn ich dann aber direkt zurückfrage: «Und, was hast du denn gelernt?», ernte ich oft verdutzte Blicke.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für Frauen?

Es wird grundsätzlich daran gezweifelt, dass Frauen im Handwerk bestehen können. Natürlich können sie das. Ich höre das immer wieder, dass Familienunternehmer in puncto Nachfolgeregelung sagen, sie hätten ja «nur» eine Tochter. Diesen Frauen wird von ihren Vätern gar nicht erst die Chance gegeben, in den Beruf reinzuschnuppern. Wie oft musste ich mir im Zuge der Betriebsübernahme anhören, wie hart der Job sei, mit Familie besonders. Andere wiederum wollten mir die Betriebsübernahme ganz ausreden.

Andersherum gefragt: Haben Sie den Eindruck, dass es Männer in der Branche leichter haben?

Ja, natürlich. Sie müssen sich nie erklären, ihre Kompetenz wird vorausgesetzt. Bauherrschaft oder Mitarbeitende fassen oft schneller Vertrauen in männliche Führungskräfte. Die Netzwerke sind auch nicht zu vergessen. Es gibt Zünfte, exklusive Clubs und Vereine in der Stadt, für die ich als Nachfolgerin meines Vaters zwar Mitgliedschaft zahle, aber weil diese Netzwerke Männern vorbehalten sind, darf ich als Frau keinen Einsitz haben. Ich muss mir mein Netzwerk selber aufbauen. Deshalb verstehe ich, warum sich Frauen in eigenen Netzwerken organisieren, auch wenn ich mich ihnen nicht anschliesse.

Es ist eine dieser typischen Fragen, wie sie oft nur Frauen in hohen Kaderpositionen gestellt bekommen: Wie ist die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit? Hören Sie die Frage oft?

Ja, sehr oft (lacht). Und man mag es kaum glauben: Als Inhaberin ist Familie und Job sogar besser zu managen als in einem Angestelltenverhältnis. Ich kann mir meine Termine so legen, wie ich sie brauche, mein Partner kocht das Mittagessen, die Kinder machen auch mal im Betrieb ihre Hausaufgaben und ich muss mir von niemandem eine Erlaubnis für Abwesenheiten einholen.

Wenn ein Unternehmen von einer Generation an die nächste geht, dann bringt das auch Änderungen im Betrieb mit sich. Was hat sich bei der Brauchli AG Luzern geändert, seitdem Sie übernommen haben, und was wird sich noch ändern?

Wir bleiben unserer Produktlinie treu und führen alle Zimmerei-Arbeiten von A bis Z komplett selbständig aus. Ich möchte alle Mitarbeitenden behalten, auch die beiden Sparten Schreinerei und Zimmerei gehören zu unseren Säulen. Meinen Stempel habe ich schon mit einigen neuen Maschinen, der Digitalisierung des Betriebsablaufs und einer neuen Website aufgedrückt. Aktuell lasse ich mich extern in der Unternehmensstrategie beraten, um meinen Visionen Ausdruck zu verleihen. Mir sind unter anderem die Themen Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung sehr wichtig, diese Werte werden mehr und mehr in unsere Firmenphilosophie integriert. brauchliag.ch


KONZERTHAUS SCHÜÜR

Projekt: An- und Umbau Konzerthaus
Standort: Luzern
Bauherrschaft: Stadt Luzern
Fertigstellung: 2022
Architektur: Peter Frei Architekten, Luzern
Holzbauingenieur: Holz Projekt GmbH, Luzern
Holzbau: Brauchli AG, Luzern
Kosten Holzbau: 290 000 CHF
Holzart und -menge, Herkunft:
30 m3 Bauholz aus heimischer Fichte,
440 m2 Fassadenschalung aus nordischer Fichte


KAPELLBRÜCKE

Projekt: Renovation der historischen Holzbrücke nach dem Brand von 1993
Standort: Luzern
Fertigstellung: 1994
Holzbau: ARGE Eggstein Holz AG, Luzern; Brauchli AG, Luzern;
Hunkeler AG, Luzern


Chantal Brauchli

Die Luzernerin Chantal Brauchli (32 J.) ist Inhaberin der Brauchli AG Luzern. Nach ihrer kaufmännischen Ausbildung stieg sie 2013 ins Familienunternehmen ein, zunächst im kaufmännischen Bereich und im Personalwesen. Einige Weiterbildungen in Betriebswirtschaft und Unternehmensführung später wurde sie 2020 Teil der Geschäftsführung und übernahm im darauffolgenden Jahr den Betrieb von ihrem Vater Peter Brauchli. Sie lebt in einer Wohnung direkt über dem Familienunternehmen, mit ihrem Partner und zwei Töchtern.