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06/2022 Vorteil Hanglage

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Die «Lebensversicherung» bei Arbeiten auf dem Dach

Täglich überprüft die Suva auf Baustellen Dachdeckerschutzwände. Viele der kontrollierten Schutzeinrichtungen entsprechen leider nicht in allen Teilen den Vorschriften und können vom Dach stürzende Personen nicht auffangen.

Text Markus Sidler, Suva | Bilder Suva

 

Häufig werden Arbeiten auf Dächern in grosser Höhe ausgeführt. Ohne regelkonforme Dachdeckerschutzwand muss man bei einem Sturz mit schwersten Verletzungen oder gar mit dem Tod rechnen. Für Personen, die auf dem Dach arbeiten, sind Dachdeckerschutzwände also die Lebensversicherung. Diese Schutzwände müssen im Seitenschutz des Spenglergangs, also des obersten Gerüstgangs unterhalb des Dachrands, ab einer Dachneigung von 30 Grad montiert werden. Sie bewahren vom Dach stürzende oder abrutschende Personen vor dem Fall in die Tiefe.

Im unteren Bereich oft mangelhaft
Bei einem Sturz vom Dach prallt die abstürzende Person in der Regel im unteren Bereich der Dachdeckerschutzwand auf. Deshalb muss die Wand in diesem Bereich besonders stabil ausgebildet sein. Gemäss Roland Richli, Sicherheitsingenieur der Suva, stellt die Suva bei Baustellenkontrollen immer wieder fest, dass Dachdeckerschutzwände ausgerechnet im unteren Bereich mangelhaft ausgeführt sind. Beispielsweise werden die Schutznetze wie ein Vorhang aufgehängt und erfüllen so ihren Zweck nicht. Für die Befestigung der Schutznetze sieht man oft handelsübliche Kabelbinder. Die Suva weist jedoch seit geraumer Zeit darauf hin, dass diese Kabelbinder bei tragenden Schutzbauteilen ihren Zweck nicht erfüllen und deshalb nicht zulässig sind. Grundsätzlich müssen Dachdeckerschutzwände so montiert sein, dass abstürzende Personen aufgefangen werden. Bordbretter können diese Funktion nicht erfüllen, weil sie aufgrund der beim Aufprall auftretenden dynamischen Kräfte brechen.

Gesetzliche Anforderungen
Gemäss Artikel 59 der Bauarbeitenverordnung (BauAV) müssen Dachdeckerschutzwände nicht nur die geometrischen Anforderungen erfüllen, sondern vom Dach stürzende Personen auch auffangen können. Wie lässt sich aber feststellen, ob eine Dachdeckerschutzwand eine Person auffangen kann?


Gemäss des Produktsicherheitsgesetzes (PrSG) muss der Inverkehrbringer eines Produkts den Nachweis liefern, dass das Produkt – im vorliegenden Fall die Dachdeckerschutzwand – sicher ist. In der Regel ist es der Hersteller des Gerüstsystems, der diesen Nachweis erbringen muss. Wenn jedoch Dachdeckerschutzwände nicht gemäss den Angaben des Herstellers montiert werden, liegt die volle Verantwortung beim Gerüstbauer. Hat bei einem Unfall die Dachdeckerschutzwand versagt, wird gegen das Gerüstbauunternehmen ermittelt.


Aber auch die Gerüstbenutzer sind in der Pflicht. Sie dürfen keine Veränderungen an der Dachdeckerschutzwand vornehmen und sind verpflichtet, festgestellte Mängel sofort der Bauleitung zu melden. Weisst eine Dachdeckerschutzwand Mängel auf, darf nicht auf dem Dach gearbeitet werden.

Wände müssen geprüft sein
Um den Nachweis zu erbringen, dass das gewählte System sicher ist, müssen Dachdeckerschutzwände einer dynamischen Prüfung unterzogen werden, welche in der Norm SN EN 13374 «Temporäre Seitenschutzsysteme» erklärt und definiert ist. Diese Norm gilt als Stand der Technik und muss für alle Dachdeckerschutzwände angewendet werden. Die Prüfung besteht aus einem Pendelschlagversuch (Klasse B) und einem Abrollversuch (Klasse C). Hersteller von Dachdeckerschutzwand-Systemen halten die durchgeführten Versuche und deren Resultate in einem Prüfbericht fest. Ein Sicherheitsnachweis ist nicht nur für Dachdeckerschutzwände mit Schutznetz zu erbringen, sondern auch für diejenigen mit Schutzgitter.

Gut angeleitet und normkonform
Der Hersteller muss dafür sorgen, dass nebst dem Prüfbericht eine Montageanleitung, bestehend aus Aufbau- und Verwendungsanleitung, für die geprüfte Dachdeckerschutzwand vorliegt. Darin muss er aufzeigen, wie und mit welchen Bestandteilen der Gerüstbauer die Dachdeckerschutzwand zu erstellen hat. So wird beispielsweise bei einer Dachdeckerschutzwand mit Schutznetz erklärt, wie das Netz zu befestigen ist und welches Netz sich eignet. Hält sich der Gerüstbauer nicht an die Montageanleitung, wird er zum verantwortlichen Ersteller.


Ein nützliches Dokument ist auch die Konformitätserklärung. Darin deklariert der Hersteller, welcher Norm die Dachdeckerschutzwand entspricht und dass sie gemäss der Norm SN EN 13374 «Temporäre Seitenschutzsysteme» konzipiert und geprüft wurde. So weiss der Gerüstbauer, dass die Dachdeckerschutzwand dem Stand der Technik entspricht.


Korrekt montierte Wand schützt

Die Bilder zeigen ein positives Beispiel: Die Dachdeckerschutzwand kann ihre Schutzfunktion erfüllen und eine vom Dach stürzende Person auffangen. Die Suva wird bei künftigen Baustellenkontrollen vermehrt darauf achten, dass Dachdeckerschutzwände korrekt erstellt sind und die erforderlichen Nachweise vorliegen. Weitere Informationen zur Dachdeckerschutzwand beim Fassadengerüst gibt es auf der Website. suva.ch/33022.d


Lebenswichtige Regeln

Jeden Tag verunfallen mehr als 800 Personen bei der Arbeit. Besonders tragisch sind Unfälle, bei denen Menschen sterben oder für den Rest ihres Lebens invalid bleiben. Die lebenswichtigen Regeln sind echte Lebensretter: Mit ihnen kann ein Grossteil aller schweren Unfälle verhindert werden.

Die zehn lebenswichtigen Regeln für den Holzbau sind im Faltprospekt 84046.D zusammengefasst: suva.ch/lebenswichtige-regeln > Sicherheitsregeln und Tipps.

Die Regel Nr.3 zum Fassadengerüst thematisiert auch die Dachdeckerschutzwand: «Wir arbeiten mit Fassadengerüsten ab einer Absturzhöhe von drei Metern.»

Arbeitnehmer/in: «Fehlt das Gerüst, führe ich im Gefahrenbereich keine Arbeiten aus. Ich benutze nur
sichere Gerüste.»

Vorgesetzte/r: «Ich kontrolliere die Gerüste laufend. Mängel lasse ich sofort beheben oder melde sie der Bauleitung.»

Die lebenswichtigen Regeln für den Holzbau stehen auch als Videoclips zur Verfügung.
suva.ch/lebenswichtige-regeln