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06/20

BAUEN

Ein Liebhaberobjekt

Das Tiny House von Holzbau Schweiz hat schon einiges überstanden: An der Messe Holz 2019 wurde es in rekordverdächtiger Geschwindigkeit unter den Augen des Messepublikums errichtet, dann für die Messe Swissbau 2020 innerhalb der Hallen auf Luftkissen verschoben, später abgebaut, sorgfältig verpackt und mit vier Sattelschleppern an seinen endgültigen Standort nach Bazenheid gezügelt. Dort steht es nun: neu montiert, frisch geputzt und fertig eingerichtet. Jetzt fehlen nur noch die Bewohner.

Text Dorothee Bauland | Fotos S. Müller Holzbau AG

Von Beginn an stand fest, dass mit dem Tiny House ein nachhaltiger Auftritt erfolgt und kein Messemüll produziert werden soll. Schliesslich wollte Holzbau Schweiz mit seinem Messeprojekt für mehr Klima- und Umweltschutz beim Bauen weibeln. Das Tiny House nach Plänen der Architektinnen Sela Farner und Antonella Carfi ist umweltfreundlich, flexibel und mit dem Label «Schweizer Holz» sowie vom CO2-Institut Schweiz zertifiziert. Die verbauten rund 36 Kubikmeter Holz stammen aus dem Schweizer Wald. Auch sollten mit dem Projekt zeitgemässe Aspekte wie neue Wohnformen, der sparsame Umgang mit Baugrund und die Verknappung von Ressourcen berücksichtigt werden. Mit der Umsetzung wurde die
S. Müller Holzbau AG aus Wil (SG) beauftragt. Weil Firmenchef Stefan Müller noch ein kleines Grundstück in Bazenheid (SG) im Portfolio hatte, war auch der spätere Standort von Beginn an gesetzt.

Auf- und Abbau
«Wir sind zunächst davon ausgegangen, dass wir das Tiny House bereits im Oktober 2019 direkt nach der Messe Holz in Basel abbauen und in Bazenheid wieder aufstellen. Deshalb wurden die Erschliessung und die Fundamente bereits im Oktober 2019 vorbereitet», so Stefan Müller. «Das konnten wir seinerzeit gut mit unserer Baustelle auf dem benachbarten Grundstück verbinden.» Nachdem jedoch der Verbleib des Tiny House nach der Messe Holz spontan bis zur Messe Swissbau im Januar 2020 verlängert wurde, verschob sich auch der Wiederaufbau in Bazenheid. Projektleiter Ivo Merkli, der schon beim Messeaufbau dabei war, koordinierte im Februar dieses Jahres die endgültige Montage. Vor Ort war ein vierköpfiges Team unter der Leitung von Vorarbeiter Markus Nischt für den Aufbau verantwortlich. «Abbau- und Transportdefekte waren zum Glück kaum zu beklagen», so Ivo Merkli, «zumindest nichts, was nicht problemlos von unseren Schreinern später wieder ausgebessert werden konnte». Nach sieben Montagetagen, inklusive Fassade und Photovoltaikanlage, stand dann das zweigeschossige Holzhäuschen mit seinen 67 Quadratmetern Wohnfläche auf dem rund 300 Quadratmeter kleinen Grundstück. Getragen wird es von vier Stahltraversen auf 20 Schraubfundamenten.


Terrassenhaus

Gemäss Aufgabenstellung im BFH-Architekturwettbewerb, an dem die Architektinnen Sela Farner und Antonella Carfi noch als Studentinnen teilnahmen, bietet das Mini-Haus Platz für zwei Personen, verfügt über einen offenen Wohn-/Ess- und Kochbereich, ein Schlafzimmer und ein Badezimmer mit Dusche und WC. Ausserdem gibt es eine Galerie und einen Abstellraum für Waschmaschine, Tumbler und Haustechnik. Wesentliches Gestaltungselement im Entwurf «Porch» (Englisch für Terrasse) sind die beiden in der Kubatur integrierten Aussensitzplätze. Das kleine Haus steht am Rande einer Landwirtschaftszone in etwas erhöhter Hanglage über dem Dorf. Es bietet gegen Nordwesten eine freie Sicht zum unverbaubaren Land mit angrenzendem Wald. Südöstlich öffnet sich eine Weitsicht in Richtung Alpstein und Toggenburg. Der Bezug zum Aussenraum stand beim Entwurf im Mittelpunkt. Die Fenster sind nicht nur zum Belüften ein Vorteil, sondern auch, um den Jahreszeitenwechsel in den Raum zu lassen.

Für die bauliche Ausführung war Holzelementbauweise vorgegeben. In der Materialisierung entschieden sich die Planerinnen für Dreischichtplatten aus Weisstanne. Die graublaue Eternit-Fassade setzt einen dezent farbigen Akzent und unterstreicht die moderne Anmutung des Tiny House. Für den Anschluss an das Strom-, Wasser- und Abwassernetz wurden regionale Unternehmen beauftragt. Bis dann die Ausbauarbeiten mit Böden, Schränken und Küchen durch die Schreiner der S. Müller Holzbau AG erledigt waren, sollte es aber noch bis Juni dauern. «Die Baustelle ruhte zwischenzeitlich einige Wochen – wie es bei Eigenaufträgen und gleichzeitig sehr guter Auslastung mit Kundenaufträgen nun mal so läuft», schmunzelt Müller.


Hochwertige Materialisierung

Wer das Haus nun bewohnen wird, ist noch nicht definitiv klar. «Es gibt viele Mietinteressenten und einige wenige Kaufinteressenten, mit denen wir noch im Gespräch sind», so Müller. Da die Erschliessungsarbeiten inklusive einer kleinen Zufahrtsstrasse letztlich genauso aufwändig – und kostspielig – waren wie bei einem Standard-Einfamilienhaus, brauche es durch die eher hohen Gesamtanlagekosten einen Liebhaber für das schöne Objekt. Die effektiven Baukosten belaufen sich bei der gewählten Ausführung und mit den hochwertigen Schweizer Materialien auf rund 450 000.– Franken, so Müller. Hinzu kommen die Umgebungsarbeiten, die Erschliessung, die Gebühren und das Bauland. Somit liegt das Haus bei einem aktuellen Verkaufspreis von 720 000.– Franken. «Das ist vielen Interessenten zu teuer», weiss Müller. «Andere sehen es im Vergleich zu einer schönen Wohnung aber durchaus realistisch als dennoch günstig an.»


Nicht bereit zum Verzicht?

Holzbauunternehmer Stefan Müller ist von der Idee des reduzierten Wohnens angetan: «Wir haben noch weitere Minihäuser geplant. Allerdings merken wir jetzt, dass die Schweizer für diese Wohnform noch nicht bereit sind. ‹Der Schweizer› kann kaum verzichten … und muss es auch noch nicht. Er hat so viele individuelle Bedürfnisse und braucht nicht nur viel Platz zum Wohnen, sondern auch einiges an Abstellraum. Und die Fahrzeuge sollen in einer geschlossenen Garage parkieren.»


«Für uns als Projektpartner von Holzbau Schweiz war der ganze Prozess sehr spannend und lehrreich», blickt Stefan Müller zurück. «Ein grosses Highlight war sicherlich das Verschieben des kompletten Hauses. Wir durften ausserdem viele neue Menschen, Technologien und Materialien kennenlernen. Alles in allem ist das Projekt Tiny House eine interessante Erfahrung, bei welcher wir gerne einen Teil ins Marketing verbuchen werden.»
smueller-holzbau.ch


Tiny Haus «Porch»

Projekt: Mini-Haus für zwei Personen
Standort: Bazenheid (SG)
Baujahr: 2019–2020
Architektur: Sela Farner,
Antonella Carfi
Holzbau: S. Müller Holzbau AG, Wil (SG)
Kosten Holzbau: CHF 450 000.–
Wohnfläche: 67 m2
Trägerschaft Messeprojekt 2019: Holzbau Schweiz, Messe Basel, Berner Fachhochschule
Projektpartner: Borm-Informatik AG, Eternit (Schweiz) AG, Flumroc AG, GAWO Gasser AG, Hartwag AG, Pius Schuler AG
Materialpartner: Eternit (Schweiz) AG, Flumroc AG, Hartwag AG, Krinner Montage GmbH, Pavatex SA, Siga, Tobler AG, Velux Schweiz AG