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07/2022 Die Chefin

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Ein Unfall vor Gericht

Die rund 400 Zuschauer waren sich einig: Der Bauunternehmer und sein Polier werden vom Gericht für den Unfall des Temporärmitarbeiters bestraft werden. Gerecht finden sie dieses Urteil jedoch nicht, wie eine Befragung nach der Urteilsverkündung des fiktiven Gerichtsprozesses zeigte. Spannend blieb das Schauspiel der Suva bis zum Schluss.

Erich Temporär humpelt mit Krücken in den fiktiven Gerichtsaal, der zunächst im August im Circle Convention Center am Flughafen Zürich und später im Oktober im KKL Luzern aufgebaut war. Begleitet wird der Verunfallte von seinem Anwalt. Der gelernte Metallbauer ist bei einem Arbeitseinsatz auf einer Hubarbeitsbühne verunfallt. Er war kurzfristig von der Temporent AG zu einem Arbeitseinsatz bei der TopBau AG aufgeboten worden. Im Rahmen dieses Arbeitseinsatzes kam es zu einem schweren Unfall mit Folgen. Doch wer ist schuld daran? Claude Muster von der Temporent AG, der einen allenfalls ungeeigneten Mitarbeiter entsendet hat? Martin Meister, der Firmenchef der TopBau AG, der nicht genügend gut abgeklärt hat, ob Erich Temporär über die erforderliche Ausbildung zum Führen einer Hubarbeitsbühne verfügt? Sandro Polieri, Polier bei der TopBau AG, der nicht konsequent genug eingeschritten ist, als er bemerkte, dass der temporäre Mitarbeiter mit der Hubarbeitsbühne Mühe hat? Oder sogar der Verunfallte selbst, der offensichtlich Schwierigkeiten im Umgang mit der Hubarbeitsbühne hatte und zudem den angelegten Auffanggurt nicht einhängte? Ein verzwickter Fall.


Die Ausgangslage

Sandro Polieri hatte den Ausfall eines Mitarbeiters zu beklagen. Für dringende Arbeiten an einer Decke brauchte er deshalb einen flexibel einsetzbaren Bauarbeiter mit Erfahrung im Umgang mit Hubarbeitsbühnen. Das meldete er so bei seinem Chef Martin Meister. Dieser setzte sich mit der Temporent AG in Verbindung und bestellte für den darauffolgenden Tag telefonisch eine Aushilfe für diverse Arbeiten auf der Baustelle. Der Einsatz einer Hubarbeitsbühne wird dabei nur in einem Nebensatz erwähnt. Claude Muster von der Temporent AG bestätigte ihm, dass er über einen Bauarbeiter verfügt, der schon mit Hubarbeitsbühnen zu tun hatte. Der Deal ist perfekt.


Am nächsten Tag trifft der 38-jährige Erich Temporär auf der Baustelle ein. Er wurde kurzfristig von der Temporent AG zu diesem Einsatz aufgeboten. Erich Temporär weiss, dass es um eine Arbeit mit einer Hubarbeitsbühne geht. Er hat einige Erfahrungen mit Hubarbeitsbühnen und macht sich deshalb keine Gedanken zu diesem Einsatz. Beim Eintreffen auf der Baustelle fragt er nach dem Polier. Sandro Poliere befindet sich zu diesem Zeitpunkt gerade in einem Telefongespräch in der Baubaracke und organisiert Materiallieferungen. Zwischen zwei Telefonaten überreicht er Erich Temporär die Schlüssel zur Hubarbeitsbühne und erklärt kurz, was zu tun ist. Er zeigt ihm aus der Ferne, wo die Hubarbeitsbühne steht, und fordert Erich Temporär auf, bereits mit der Arbeit zu beginnen. Er verspricht, später vorbeizukommen.


Der Unfall

Etwa eine halbe Stunde später eilt Sandro Polieri zu Erich Temporär und bemerkt schnell, dass dieser das Arbeitsgerät nicht wirklich im Griff hat. Er bewegt die Hubarbeitsbühne ruckartig und fährt sogar in die falsche Richtung. Dabei schrammt er auch kurz an der Wand entlang. Polieri weist Erich Temporär darauf hin, dass die Hubarbeitsbühne nur gemietet ist und er vorsichtiger damit umgehen soll. Der Polier meldet seinen Eindruck dem Firmenchef Martin Meister, der gleichzeitig die Rolle des Bauführers innehat. Sandro Polieri hat ein ungutes Gefühl und will nicht, dass die Hubarbeitsbühne Schaden nimmt. Martin Meister weiss, dass sein Polier nicht ohne Grund angerufen hätte. Er verspricht, via Temporent AG für Ersatz zu sorgen, und bittet Sandro Polieri, so lange mit Erich Temporär weiterzuarbeiten.


Gegen 11 Uhr kommt ein Mitarbeiter in die Baracke gerannt und meldet ein Unfallereignis. Sandro Polieri macht sich sofort auf den Weg zum Unfallort. Die Hubarbeitsbühne steht unversehrt an ihrem Platz. Daneben liegt Erich Temporär bewusstlos am Boden. Sandro Polieri vermutet, dass Erich Temporär mit der Hubarbeitsbühne über ein Kantholz gefahren ist und durch die Hebelwirkung aus der Plattform geschleudert wurde. Innert kürzester Zeit sind die Ambulanz und die Polizei vor Ort. Auch die Suva wird für die Unfallabklärung aufgeboten.


Das Urteil

Zur zentralen Frage im fiktiven Gerichtsprozess – übrigens mit echten Anwälten und Richtern – wird der Umstand, ob die Vermittlungsfirma wusste, dass der entsendete Mitarbeiter auf einer Hubarbeitsbühne arbeiten sollte. Bauunternehmer Martin Meister gibt an, dies telefonisch mitgeteilt zu haben. Claude Muster von der Temporent AG bestreitet das. Da aufgrund der langjährigen guten Zusammenarbeit der beiden Firmen kein schriftlicher Auftrag vorlag, entscheidet das Gericht zugunsten von Claude Muster, und zulasten der Baufirma. Die Anklage im Strafprozess lautet auf fahrlässige Körperverletzung. Sowohl Bauunternehmer Martin Meister als auch sein Polier Sandro Polieri werden zu Gefängnis auf Bewährung und zur Bezahlung von je einem Drittel der Gerichtskosten verurteilt. Das letzte Drittel der Verfahrenskosten geht zulasten des Staates, denn Claude Muster von der Temporent AG wird freigesprochen: Im Zweifel für den Angeklagten. Die Zuschauer haben dieses Urteil zwar erwartet, wie eine zuvor durchgeführte eine Befragung ergab. Gerecht fanden sie es jedoch nicht. Insbesondere weil der Verunfallte – wie er selbst zugab – die erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen kannte, aber nicht anwendete.


Ähnlich wie im Strafprozess fällt auch das Urteil im anschliessenden Zivilprozess aus: Die Baufirma muss zwei Drittel des Schadens tragen. Die Temporent AG wird mit einem Drittel auch zur Kasse gebeten, jedoch wegen des Fehlverhaltens des Verunfallten mit einer Haftungsreduktion von 20 Prozent.


Höheres Unfallrisiko

Der fiktive Gerichtsfall, den die Suva mit den echten Richtern Pierino Orfei und Barbara Hunkeler durchspielte, ist exemplarisch. Bei Temporärmitarbeitenden sei das Unfallrisiko rund 50 Prozent höher als bei Festangestellten, erklärte Peter Fahrni, Experte Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Suva, im Vorfeld der Gerichtsverhandlung.

Eine letzte Gelegenheit, das spannende Schauspiel live zu verfolgen, bietet sich in der Deutschschweiz am 1. November 2022 im Kursaal Bern.
suva-event.ch/gerichtsevent2022/