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04-2019 Glasklar

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Eine Nacht – eine Brücke

Für das nordostschweizerische Jodlerfest in Winterthur-Wülflingen bauten Zimmerlehrlinge der gewerblichen Berufsschule Wetzikon eine Fussgängerbrücke aus Massivholz. Highlight der Projektwoche war für die Jugendlichen im zweiten Lehrjahr die nächtliche Aufrichte.

Text Ramona Ronner | Fotos Donat Höliner, Diana Waibel, Sandra Depner

Die Durchgangsstrasse ist autoleer. Stattdessen steht ein riesiger Kran auf der Fahrbahn und die Nacht wird mit Scheinwerfern taghell erleuchtet. Es sind aussergewöhnliche Arbeitsumstände für die Zimmerlehrlinge. Sie stellen in dieser Nacht Anfang April eine Holzbrücke auf, die sie zuvor innerhalb weniger Tage selbst gebaut haben. «Eine Nachtaufrichte ist ein einmaliges Erlebnis für die Lernenden im zweiten Lehrjahr – selbst für mich ist es das erste Mal», sagt Stefan Roth, Berufsschullehrer und Lehrlingsausbildner Zimmerleute bei der Schindler und Scheibling AG in Uster.

«Winti jodelt» heisst das Projekt, für das der Holzsteg errichtet wurde. Das nordostschweizerische Jodlerfest im Juni dieses Jahres ist das zweitgrösste seiner Art in der Schweiz. Das Festgelände, bestehend aus einem Jodlerdorf und einer Jodlergasse, wird an seinem Standort in Winterthur Wülflingen aber durch eine Strasse unterbrochen. Damit die Teilnehmer und Besucher dennoch sicher von A nach B kommen, wurde jetzt die temporäre Holzbrücke errichtet. Für die Ausführung fiel die Wahl auf die gewerbliche Berufsschule Wetzikon. «Die Berufsschule ist ein geeigneter Partner für Projekte, denen die finanziellen Mittel ansonsten fehlen würden», sagt Stefan Roth. Der Bau wird so nämlich von der Holzförderung unterstützt und die Lernenden bekommen ihren Lohn direkt von ihrem eigenen Betrieb.

16 Lernende, ein Projekt
Die Fachgruppe Zimmerleute der gewerblichen Schule Wetzikon entschied, dass die Klasse von Stefan Roth im zweiten Lehrjahr ideal ist, um die Brücke in einer Projektwoche zu erstellen. Roth war dabei Koordinator, Projektleiter, Ansprechpartner für Behörden und auch für die Betriebe der Lernenden Die Betriebe entschieden selbst, ob sie ihre Lernenden für diese Zeit freigeben konnten und wollten. «Die Resonanz war sehr positiv», sagt Roth. 16 von 19 Schülern waren Teil der Projektwoche. Dies sei eine sehr gute Bilanz.

Übergeordnetes Ziel dieser Woche war es, gemeinsam als Gruppe ein Projekt zu realisieren. Um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, aber auch weil die Lernenden aus unterschiedlichsten Regionen des Kantons anreisten, verbrachten sie ihre Zeit unter einem Dach. Mathias Werren, Bauherr und Vizepräsident des Jodlervereins, richtete bei sich zuhause ein temporäres Feldlager für die Jugendlichen und ihre Betreuer ein. «Mathias Werren kochte sogar jeden Abend für uns und bereitete jeden Morgen ein Frühstück vor», schwärmt Roth vom Gastgeber. Die angehenden Zimmerleute hatten einen strikten Tagesablauf: Um sechs Uhr war Tagwache und um sieben Uhr folgte die Abfahrt zur Baustelle. Es war eine sehr intensive Woche – für die Lernenden, aber auch für ihn selbst, verrät der Berufsschullehrer. Nicht nur waren die Tage lang und streng getaktet, sondern auch körperlich sei es für die Lernenden sehr anstrengend gewesen, den ganzen Tag schwere Elemente zu stemmen.

Arbeitssicherheit als Schwerpunkt
«Dieses Projekt war vor allem auch deshalb eine Herausforderung, weil die jungen Leute im zweiten Lehrjahr noch nicht über einen grossen Erfahrungsschatz verfügen», sagt Stefan Roth. Der 18-jährige Pascal Eichenberger stimmt seinem Lehrer, der zugleich auch sein Lehrmeister in der Schindler und Scheibling AG ist, zu: «Die Arbeit war etwas völlig Neues, etwas, das ich noch nie gemacht habe. Manchmal war es schwierig, die Arbeitsabläufe auf Anhieb zu erkennen.» Speziell sei für ihn auch die Arbeit in einem so grossen Team gewesen. Doch das gefiel ihm gut. Schliesslich sind viele Lehrlinge auch abseits des Klassenzimmers miteinander befreundet. So war es dann auch schön, den Feierabend in der Unterkunft zusammen zu verbringen.

Bereits vor Beginn der eigentlichen Projektwoche war die Schulklasse schon in das Projekt involviert. Wichtige Punkte im vorbereitenden Unterricht waren etwa die Arbeitsplatzgestaltung und die Arbeitssicherheit. Beispielsweise mussten die Mitarbeitenden Leuchtwesten auf der Baustelle tragen – gerade auch bei den Arbeiten direkt an der stark befahrenen Strasse, an der die Brücke erbaut wurde, war dies sehr wichtig. Weil bei der Aufrichte ein Kran im Einsatz war, mussten alle Anwesenden zudem zwingend einen Helm tragen. Die Lernenden haben in diesem spezifischen Projekt auch die richtige Handhabung mit Absperrband gelernt. Das Triopan-Band haben sie von der Stadtpolizei Winterthur zur Verfügung gestellt bekommen. «Der Polizeichef hat uns in der gesamten Sicherheitsplanung sehr unterstützt», ergänzt Stefan Roth.

Der Lerneffekt in Bezug auf die organisatorischen Aspekte war gross, da die angehenden Zimmerleute vom Plan bis zur Umsetzung vollumfänglich dabei sein konnten. Sie lernten ausserdem, Elemente in sehr grossen Dimensionen zu verarbeiten und Massivholzkonstruktionen zu verankern – und das alles in einer einzelnen Woche.

Endspurt vor der langen Nacht
Einen Tag vor der Aufrichte ging es für die ganze Gruppe zum ersten Mal direkt nach draussen zum späteren Brücken-Standort. Dort galt es, Pfähle in den Boden zu rammen, die als Auflager für die Brücke dienen. Für die Abklärungen zur Statik begleitete Ingenieur Mario Aeppli vom Ingenieurbüro Amingo GmbH das Projekt. «Auf seine Expertise hin passten wir dann auch die ersten Entwürfe der Schule nochmals an», sagt Stefan Roth. Die vertikale Last musste vollständig auf den Hauptjochs lagern und diese mussten wiederum exakt vertikal stehen. Ursprünglich war geplant, die Joche schräg wie ein W für «Winterthur» anzubringen. Dafür wären am Strassenrand jedoch Erdpfähle nötig gewesen. Weil dies an dem Standort nicht möglich war, musste die Konstruktion angepasst werden.
Brücke misst 29 Meter

Die Brücke ist insgesamt fast 29 Meter lang und drei Meter breit. Die grössten der wenigen Elemente, die in der Halle vorgefertigt werden konnten, sind 15 Meter lang und wiegen bis zu fünf Tonnen. «Mich hat es sehr erstaunt, dass selbst bei diesen 15 Meter langen Stämmen nichts zusammengeleimt werden musste», erzählt Pascal Eichenberger.

Das temporäre Brückenbauwerk wird bis zum Ende des Jodlerfests vom 21. bis 23. Juni in Winterthur-Wülflingen stehen bleiben. «Was danach mit ihr passiert, ist noch unklar. Abnehmer sind gesucht», fügt Roth schmunzelnd an. Auf ein Fest mussten die Zimmerleute jedoch nicht so lange warten. Bereits am Tag nach der spektakulären Nacht-und-Nebel-Aktion fand das Richtfest statt. Das Jodlerfest will Pascal Eichenberger aber dennoch besuchen, um zu sehen, wie sich die Arbeit von ihm und seinen Kollegen in das Gesamtbild einfügt. «Ich werde sicher sehr stolz auf unsere Arbeit sein, wenn ich die Brücke in Betrieb sehe», sagt Pascal. winti-jodelt.ch, gbwetzikon.ch