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01/2022 Anders sehen

BAUEN

Eine Ode an die Weisstanne

Oft werden Weisstanne und Fichte in einem Atemzug genannt. Remo Koller legt Wert auf die Unterscheidung. Er baute in Appenzell ein Wohnhaus mit Atelier aus Holz der nächsten Umgebung und erlebte, wie schwierig es heute ist, einfache und logische Abläufe wie geplant umzusetzen.

Text Sue Lüthi | Fotos Sara Spirig | Pläne Remo Koller

 

Wer ein Haus bauen will, geht in den Wald und besorgt sich das Material. Das sagte sich Remo Koller aus Appenzell. Vor zwei Jahren war es dann so weit: Der Holzbaupolier und studierte Architekt sollte ein Einfamilienhaus mit Arbeitsräumen bauen. Er verfolgte seinen Grundgedanken, denn mit ihm ist das Konzept der Nachhaltigkeit verbunden, das auch die Bauherrschaft wünschte. Der heute 36-Jährige war überrascht, wie aufwendig die an sich einfachen Abläufe heute sind. «Die Holzindustrie tut sich mit individuellen Kundenwünschen schwer, weil eine so kleine Holzmenge für eine Grosssägerei nicht interessant ist», sagt er. «Ich musste eisern an meinem Konzept festhalten, und nicht alle hatten dafür Verständnis.»


Die Wände und Decken im zweigeschossigen Wohnhaus sind vollständig  mit Holz verkleidet – und doch haftet den Räumen nichts Rustikales an. Grosse Flächen stossen scharfkantig aufeinander, es gibt keine Fasen und Rundungen. Die scharfkantige Verarbeitung verträgt sich gut mit dem weichen und hellen Holz der Weisstanne. Scharf hat Remo Koller auch geplant, scharf im Sinne von: Er hat früh jedes Detail durchgezeichnet und sich dabei überlegt, welcher Teil des Baumes für welches Bauteil eingesetzt wird.


Von Anfang an wünschte sich die Bauherrin, seine Schwester, ein modernes, nachhaltiges Haus. Die junge Frau ist Damenschneiderin und hatte konkrete gestalterische Vorstellungen vom Ausbau. Heute wohnt in den oberen beiden Geschossen die vierköpfige Familie, und im Untergeschoss sind das Nähatelier und Büros eingerichtet. Durch das Wegschieben einer breiten Türe vermischt sich der Arbeitsraum mit der Privatsphäre. «Der Speicherofen und ein Gestell beim Entrée waren gesetzt, auch die schwedischen Platten für die Nassräume lagerten schon früh auf dem Bauplatz», sagt Remo Koller. Die Planung und der Bau des Hauses haben je ein Jahr gedauert. Parallel dazu studierte Koller an der FH Graubünden Architektur und schloss letzten Sommer mit dem Diplom ab. Er musste erst lernen, für den freien Entwurf nicht gleich an die praktische Umsetzung zu denken. Doch als ausführender Architekt ist dies unbestritten eine grosse Qualität.

Vom groben Äusseren zum feinen Inneren
Im Quartier ausserhalb von Appenzell, wo früher Landwirtschaft betrieben wurde, herrscht eine vielseitige Architektursprache. Oberhalb des Neubaus steht das traditionelle Appenzellerhaus der Familie Koller mit gestemmten Fassaden, unterhalb war früher die Zimmerei Koller, die Remo Kollers Vorfahren geführt hatten. Der Neubau schliesst eine Lücke entlang der Quartierstrasse. Mit der Form und dem Material lehnt sich der Bau den im Appenzell verbreiteten Gaden an, einräumigen alleinstehenden Stallbauten. Zugleich ist der Entwurf eine Antwort auf das Bauen am Hang. Das materielle Konzept lautete: vom groben Äusseren zum feinen Inneren. Die grossen, astfreien Weisstannentäfer sind das Resultat seiner unbeirrten Planung und Realisation. Als Remo Koller in der Sägerei seinen Wunsch verkündete, bestimmtes Holz zu verwenden, blitzte er gleich ab. Auch die zweite Sägerei hatte kein Gehör für seinen Wunsch. Diese hätte auf Schweizer Holz zurückgreifen können, aber nicht auf einen bestimmten Holzstamm, den ein Kunde liefern würde. Erst die Sägerei Innoholz AG in Gähwil nahm seine Idee auf, stellte aber gleich klar, dass für die Weisstanne – ein Starkholz – eine andere Sägerei gefunden werden müsse und empfahl Maria Brühwiler. Die Inhaberin des Brühlwiler Sägewerks in Wiezikon (TG) begrüsste es sehr, dass Koller den ganzen Posten Holz der ausgewählten Bäume nahm. Von einer Weisstanne können rund 50 Prozent für den astfreien Ausbau verwendet werden, der Rest ist «Abfall», daraus wurden Latten für die Installation, das Dach und die Schiftung des Bodenbelags gefertigt. Konkret haben die Säger Kanthölzer mit den Massen 50 auf 150 Millimeter gesägt, aus denen die Verschalungen für innen und aussen gefertigt werden konnten. Nach dem Einsägen und Trocknen musste für den Weisstannenposten (64?m3) Lagerplatz gesucht werden, der die Blumer Techno Fenster AG in Waldstatt (AR) zur Verfügung stellte. «So zu bauen, braucht Zeit und die Flexibilität der Sägerei», sagt Koller. Er weiss, wovon er spricht, da er als Zimmermann und Holzbaupolier schon acht Jahre Erfahrung in der Projektleitung hat. Denselben Prozess durchlief Koller mit dem Fichtenholz, das die Innoholz AG aus dem Wald holte und zu Konstruktionsholz verarbeitete. Denn auch Fichten stehen im nahen Wald. Fichtenholz wird mit der Zeit eher gelblich im Gegensatz zur Weisstanne, die mit dem Licht goldbräunlich wird. Diese Unterscheidung sei für die Sägereien aber unbedeutend, ihnen ginge es um den Durchmesser und darum, möglichst viel industriell verarbeiten zu können, erklärt Koller. Das Verarbeiten und Verbrauchen des ganzen Stammes gehört für den Architekten auch zur Nachhaltigkeit, genauso wie das Ausbilden von guten Leuten. Sie sollten gefordert werden, damit sie selbst denken und nach Lösungen suchen, Wünsche ermöglichen und den Biss haben, diese auch durchzusetzen.

Flächenbündige Türfutter
Blickt man im Wohnteil des Hauses um sich, sieht alles klar und einfach aus: Die eine Wand erstreckt sich exakt in die Kehle unter dem First, dieser ist nicht mittig. Alle Flächen sind bündig, das Türfutter wie die Fensterleibungen. Neben den grossen, festverglasten Fenstern lässt sich ein schmaler Lüftungsflügel öffnen, der von der äusseren Lattung verdeckt wird. Diese besteht aus rohen Weisstannenlatten, die mit Hinterlüftung auf einer schwarzen Schalung (Weisstanne sägeroh) montiert sind. Die Ständerkon­struktion der Aussenwände ist mit Holzflex-Platten gedämmt, innen nimmt eine Dreischichtplatte mit Installationslattung die finale Tannenverkleidung auf. Insgesamt ist die Konstruktion 48 Zentimeter stark. Betoniert wurde nur das Nötigste.


Der Bodenbelag aus massiven Tannenbrettern im Obergeschoss – Appenzeller nennen ihn Tillboden – liegt auf dem Unterlagsboden, seitlich mit offenen Fugen ohne Kitt. Die Lasten trägt eine Balkenlage, die von unten wiederum mit Weisstanne verkleidet ist. Im Erdgeschoss dominiert der Ofen aus schwarzen Platten den Raum. Der geschliffene Anhydritboden sorgt für eine ausgewogene Materialität unter all den Holzflächen. Eine Bodenheizung, die Wärme aus dem Erdboden erhält, unterstützt den Speicherofen, denn dieser könnte den Atelierraum unterhalb nicht heizen. Übrigens besteht im Kanton Appenzell für Neubauten ab 50 Quadratmetern eine Photovoltaik-Pflicht. Dieser Neubau darf jedoch vom Stromüberschuss des Nachbargebäudes Energie beziehen.


Einige Kompromisse musste Remo Koller schon eingehen. Ganz astfrei sind die Flächen im Obergeschoss nicht, und bei den Einbauschränken und der Küche hat sich der Planer mit furnierten Spanplat­ten zufrieden gegeben. Sonst kann der Architekt mit gutem Gewissen sagen: Ich habe das Haus mit Material des nahen Waldes gebaut und den ganzen Baum verwertet. Genau so, wie es seinem Ideal entspricht. a-holzbau.ch, fensterholzag.ch, innoholz.ch

Planwerk Remo Koller

Remo Koller stammt aus einer Zimmermannsfamilie in Appenzell. In der sechsten Generationen lernte er bei der Appenzeller Holzbau GmbH diesen Beruf, wurde Holzbaupolier und übernahm Projektleitungen.
Obwohl Remo Koller das Handwerk liebt, interessierte ihn immer das Gesamtheitliche. Für ihn macht der gesamte Ablauf eines Baus die Nachhaltigkeit aus – und das Bauholz soll möglichst aus der Nähe stammen. So studierte der heute 36-Jährige an der FH Graubünden Architektur, schloss letzten Sommer erfolgreich ab und betreibt seitdem das Architekturbüro Planwerk in Appenzell. remokoller.ch


Wohnen in Weisstanne

Projekt: Einfamilienhaus mit Gewerberaum, Appenzell
Nutzung: Wohnen und arbeiten
Bauherrschaft: Privat
Realisierung: 2019–2021
Architektur: Remo Koller Planwerk, Appenzell
Holzbau: Appenzeller Holzbau GmbH, Appenzell
Sägewerk Weisstanne: Brühwiler Sägewerk AG, Wiezikon (TG)
Sägewerk Fichte: Innoholz AG, Gähwil (SG)
Holzverarbeitung: Necker Holz AG, Brunnadern (SG)
Fensterbauer: Blumer Techno Fenster AG, Waldstatt (AR)
Hobelwerk: Gebr. Eisenring AG, Gossau (SG)
Holzbauingenieur: Remo Koller Planwerk, Appenzell
Holzart und -menge: Fichte 65 m3 (Konstruktionsholz), Weisstanne 65 m3 (davon 950 m2 Täfer), aus dem Kanton Appenzell
Gebäudevolumen: 1661 m3
Bruttogeschossfläche: 335 m2
Auszeichnung: Label Schweizer Holz