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03/2020

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Holzesel für die Stadt

Carbon, Aluminium oder Stahl sind üblicherweise beim Velorahmen das Material der Wahl. Holz ist da eher etwas untypisch. Dabei setzt die Urform des Velos – die Laufmaschine von Karl von Drais – auf genau diesen Werkstoff. Mehr als 200 Jahre später zeigen zwei angehende Zimmerleute, wie ein modernes Citybike aus Holz aussehen kann.

 Text Sandra Depner | Fotos Sandra Depner, zVg

Sie konnten nicht wissen, was ihnen bevorstehen würde vor ungefähr einem Jahr, als Nino Steiner und Nicola Fankhauser beschlossen, in ihrer gemeinsamen Vertiefungsarbeit ein Velo aus Holz zu entwickeln. «Wir reden von langen Nächten, vielen Wochenenden und viel Pizza. Wir haben bestimmt 400 Stunden dafür gearbeitet – das Nachdenken und Grübeln in der Nacht nicht mitgerechnet», sagt Steiner. Das ist ein Einsatz, der jenseits der vom Lehrer am Holzzentrum Frutigen (BZI) angesetzten acht Nachmittage liegt. Es hat sich gelohnt: Nicht nur erhielten die beiden lernenden Zimmerleute jeweils eine 6.0 für ihre Vertiefungsarbeit. Sie halten heute auch ein fahrtüchtiges Citybike in ihren Händen. Heisst: acht Gänge, Nabenschaltung, 17 Kilogramm schwer. Ein Velo, das Aufsehen erregt. Es handelt sich um ein Unikat, das einige Interessenten aus der Presse, der Wirtschaft sowie der Forschung auf den Plan gerufen hat. Geht es nach Steiner und Fankhauser, dann stehen sie heute am Beginn einer Karriere, die sich um weit mehr dreht als nur ein Holzvelo.


Das Velo: elegant, sportlich und stylisch

Doch zurück zum Anfang, dahin wo alles begann. Nämlich im Zug. Da kam den beiden spontan die Idee für das Holzvelo. «Just do it», zu Deutsch «Mach es einfach» – lautete der Arbeitsauftrag für die Vertiefungsarbeit. Aber einfach draufloszubauen, das hätte sie nicht zum Ziel gebracht. Zu gross ist das Risiko, bei diesem Vorhaben zu scheitern. Das weiss auch Hans German, Schulleiter und Lehrer am BZI: «Es ist nicht das erste Velo, das in unserem Schulhaus gebaut wurde. Ich erinnere mich an vier weitere, doch die sind alle auseinandergefallen. Das hier aber ist fahrtüchtig. Ich bin es selbst gefahren.» Das Projekt ist das Ergebnis von guter Recherche, einer exakten Planung und handwerklichem Know-how.
Wie baut man ein Velo aus Holz? Eine Anleitung dafür gibt es nicht. Die ersten Recherchen ergaben, dass es schon Velos aus Bambus oder Holz gibt. Doch die meisten Rahmen sind mit Metall verstärkt. «Unser Velo sollte komplett aus Holz sein», sagt Fankhauser. Und: «Elegant, sportlich und stylisch», wie Steiner ergänzt. Schnell war ihnen klar, dass ein gebogener Rahmen nicht in Frage kam, da diese Konstruktion zu teuer geworden wäre. Mit velospezifischen Fragen konnten sie sich an die Berner Firma Design-YourBike wenden, die den Zimmerleuten als Partner zur Seite stand. Dort erhielten sie Tipps, welche Komponenten sich für ihr Velo eignen würden oder wie der Rahmen beschaffen sein sollte, um diese montieren zu können.

 


 

 

Der Rahmen: Nussbaum, Esche und Glasfaser

Der Rahmen setzt sich zusammen aus zwei spiegelverkehrten Seiten, mittig mit einem breiten Kern verbunden. Jede Seite besteht aus sieben Holzlamellen – jeweils zwischen zwei und vier Millimetern dick. Lamellen zum einen aus Nussbaum: ein hartes und ästhetisches Holz, das dem Rahmen die nötige Stabilität gibt. Zum anderen aus Esche: Sie dient der Elastizität und ermöglicht es im Rahmen, Stösse abzufedern. Dazwischen verstärken Schichten aus Glasfasergewebe die Konstruktion. Verleimt wurde alles mit Epoxidharz. Zum Abschluss versiegeln drei Schichten Bootslack die Konstruktion. Der Lack schützt das Holz vor Witterungseinflüssen. Und es verleiht dem Rahmen einen eleganten Glanz.

Mit Partnern: Holzbaufirmen unterstützen Velobau
Ein grosser Faktor, der zum Erfolg beigetragen hat, war die Unterstützung, die beide erhielten. Sowohl von der Boss Holzbau AG, bei der Steiner seine Lehre macht – der Betrieb aus Thun stellte seine Maschinen und Holz zur Verfügung –, als auch von der Wiedmer Holzbau AG, der Arbeitgeber von Fankhauser, der den beiden finanziell unter die Arme griff und die Räder, Scheibenbremsen sowie Pedale bezahlte. Die Velofirma DesignYourBike organisierte die Veloteile zu guten Konditionen. Als der Rahmen fertig war und bereit zum Aufbau, konnten Fankhauser und Steiner in der Berner Werkstatt das Velo zusammenbauen und sich Rat bei der Montage holen.


Seit der Abschlusspräsentation steht das Unikat aus Holz im Thuner Büro der  beiden. Die Lernenden möchten eine Firma gründen. Und der Name steht schon fest: «Wood Performance». «In unserem Büro können wir Kunden treffen. Das wirkt professioneller», sagt Steiner. Die ersten Gespräche laufen schon. Steiner erzählt von der Präsentation am Wirtschaftsforum Interlaken 2019, wo sie Kontakte zu Geschäftspartnern und Gönnern geknüpft haben. Auch die Berner Fachhochschule habe Interesse gezeigt. Mit ihnen wollen sie das Velo noch besser machen. Potenzial wäre beim Gewicht, das sie mit aktuell 17 Kilogramm noch optimieren könnten. Zudem möchten sie eine ökologische Alternative zum Epoxidharz finden. Aber nicht nur das: «Wir denken daran, ganz viele verschiedene Dinge neu aus Holz zu bauen», ergänzt Steiner. http://www.wood-performance.ch


wood-performance.ch


Das sagen die Lehrer

Hans German, Schulleiter und Lehrperson für den allgemeinbildenden Unterricht (ABU) am Holzzentrum in Frutigen: «In der Vertiefungsarbeit geht es weniger um das Produkt als viel mehr um den Weg dahin. Heisst: Risikomanagement, Sozialkompetenzen, Reflexion und Gruppendynamik. Nicola Fankhauser und Nino Steiner haben das hervorragend gemeistert. Ihre Entwicklung ist für die Schule ein Highlight.» Eduard Schmid, Berufsschullehrer Fachunterricht, über die handwerklichen Kriterien der Beurteilung: «Der Fokus liegt auf der Materialisierung. Wichtig ist die Frage, wie das Velo statisch-konstruktiv konzipiert ist. Man sieht die Züge und wie die Kräfte wirken. Entscheidend ist, wie sie die Aussteifung des Velos lösen und wie es sich bei dynamischen Kräften in der Kurve verhält. Auch das Aussehen spielt eine Rolle, wenn auch eine untergeordnete.» bzi.ch