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05/2022 Holzbau total

BEWEGEN

Mit HoloLens auf die Baustelle

Die Produktivitätssteigerung stand am zweiten internationalen Kongress Holzbau, Technik und Wirtschaft (HTW) im Zentrum der Vorträge. Doch am Ende geht es ja nicht nur um die Wertschöpfung je Arbeitsstunde, sondern auch um die Rentabilität. Wie mit weniger Aufwand mehr Geld verdient werden kann – auch dazu gab es Anfang Juni im Kongresshaus Memmingen (DE) zahlreiche Tipps aus der Praxis.

Text und Bilder Dorothee Bauland

 

«Es reicht nicht aus, sich auf dem grossartigen Produkt Holz auszuruhen», mahnte Roland Sitzberger (Porsche Consulting, Bietigheim-Bissingen) die Teilnehmenden des zweiten internationalen HTW-Kongresses in Memmingen (DE). Das Produkt Holz sei top, aber die (mangelnde) Performance in der Branche sei ein Nachteil, so Sitzberger in seinem Vortrag «Neue Kette Holzbau – von der Hobelromantik zur zukunftsfähigen Branche». Dass bezüglich Performance und Entwicklung bei den Holzbaubetrieben aber wenig Grund zur Sorge besteht, wurde in den nachfolgenden Vorträgen mehr als deutlich. So berichtete Stefan Beer (Holzingenieur und Betriebsleiter bei der Beer Holzbau AG, Ostermundigen) über die serielle Vorfertigung von Küchen- und Badmodulen für eine Grossüberbauung in Biel und Pirmin Jung (Pirmin Jung Schweiz, Rain) über das Wissensmanagement in seinem Ingenieurbüro. Fabian Scheurer
(Design2Production, Zürich) ordnete Holz als den digitalsten Baustoff überhaupt ein und Wolfgang Horn (Horn Hausbau Technologie, Reutlingen) beschrieb die Einsatzmöglichkeiten der Robotik im Holzbau – um nur vier von über 30 Referenten zu nennen.


Digitalisierte Produktion

«Warum brauchen wir die Revolution?», fragte Fabian Scheurer in die Runde der rund 250 Fachleute aus dem deutschsprachigen Raum und lieferte auch gleich die Antwort: «Weil die Evolution steckengeblieben ist! Seit etwa 30 Jahren gibt es im Baugewerbe keine Produktivitätsgewinne mehr. Heute gibt es genauso viel Haus pro Arbeitsstunde wie vor 30 Jahren.» Aber jetzt, mit Industrie 4.0 und Building Information Modeling (BIM), könne es endlich losgehen. Im Holzbau funktioniere das zwar grundsätzlich gut, doch klemme es noch immer an einigen Stellen. «Nach jeder Projektphase gehen wir wieder zurück auf null, die Durchgängigkeit ist sehr begrenzt», bedauert Scheurer, dessen Unternehmen Design2Production immer wieder mit seinen auf parametrischen Codes basierenden Berechnung für spektakuläre Freiformen von sich reden macht – unter anderem für das Swatch-Headquarter in Biel.


Rentabilität mit Robotik
Ab einer Vorfertigung von 50 Häusern im Jahr sei die Robotik im Holzbaubetrieb durchaus rentabel, rechnete Wolfgang Horn dem Fachpublikum vor – insbesondere im Bereich der Beplankung von Holzrahmenelementen. Im Vergleich zum Autobau sei die serielle Robotikfertigung im Holzbau aber um einiges komplexer, konnte er sich einen Seitenhieb gegen Roland Sitzberger von Porsche Consulting nicht verkneifen. Im Holzrahmenbau sei die Stückzahl deutlich niedriger und die Staubentwicklung deutlich höher als im Automobilbau, was den Einsatz von Robotern erschwere. Doch der Automatisierungsdruck, vor allem erzeugt durch den akuten Fachkräftemangel, werde die Entwicklung weiter vorantreiben.


Holzbau mit HoloLens

Einen weiteren Beweis, dass die digitale Zukunft im Holzbau längst zuhause ist, lieferte Michael Schär (Schaerholzbau AG, Altbüron). Sein Praxisbericht über die Chancen von Mixed Reality im Holzrahmenbau war ein echtes Highlight am Kongress, denn der gelernte Zimmermann und Holzbauingenieur, der seit rund zwei Jahren den Familienbetrieb mit etwa 130 Mitarbeitenden leitet, berichtete von der Integration von Augmented-Realitiy-Brillen im Holzbaualltag. Bereits seit rund einem Jahr ist die HoloLens-Technologie sowohl in der Werkhalle als auch auf den Baustellen von Schaerholzbau im täglichen Einsatz. «Wir haben uns überlegt, wie viel mehr Zeit wir hätten, wenn keine 2D-Pläne mehr gezeichnet werden», führte er als Motivation an, sich mit Mixed Reality zu befassen. «Was wäre, wenn die Mitarbeitenden jederzeit Zugriff auf ein vollständiges 3D-Modell hätten, das in die Realität projiziert wird?» In der Regel erhalte seine Planungsabteilung 2D-Pläne vom Architekten, aus denen dann digitale 3D-Modelle konstruiert werden, um daraus unter anderem die Maschinendaten zu erstellen. Diese 3D-Pläne dann für die Baustelle quasi wieder «einzustampfen» und zu 2D-Plänen «flachzudrücken», erfordere ein zeitaufwändiges Zeichnen und Interpretieren, dabei gebe es Informationsverlust und es entstehen Fehler. Auch der Zeitverlust, der entsteht, wenn die Mitarbeitenden in der Produktion oder auf der Baustelle zum Plan gehen, sei nicht zu unterschätzen. Lösungsansätze für die Problematik habe er in verschiedenen Szenarien geprüft, zum Beispiel mit Tablets für die Produktionsmitarbeitenden, mit grossen fahrbaren Screens oder Laserabbildungen auf einen Tisch – doch nichts davon habe überzeuget. Erst die Augmented-Realitiy-Brille (AR-Brille) bot die Lösung. Die Brille ist immer beim Mitarbeiter, aber nur wenn er sie braucht, klappt er das Visier herunter. Seine Zimmerleute seien von der AR-Brille begeistert, so Schär. Bedient werde sie intuitiv über Gesten und Sprache und die Hände bleiben frei zum Arbeiten. Bereits mit einer ersten einfachen Anwendung in der Produktion konnte eine Effizienzsteigerung von rund zehn Prozent erreicht werden. Mit der entsprechenden Software sei die AR-Brille auch fit für die Baustelle. Bis Ende Jahr soll die Software, die zusammen mit Afca Informatik aus Bern und Design2Production entwickelt wurde, der Branche über das eigens dafür gegründete Start-up Timber AG zur Verfügung gestellt werden. «Ich bin mir hundert Prozent sicher, dass wir mit den zwei Anwendungen für Produktion und Baustelle bisher nur einen ganz kleinen Teil der Möglichkeiten nutzen», so Schär. «In Zukunft werden wir – statt Pläne zu zeichnen – mehr Zeit haben, Gebäude zu bauen.» Der Aufruf an die Berufskollegen im Auditorium, sich bei Interesse zu melden, blieb nicht ungehört. Im Anschluss an den Vortrag bildete sich eine Menschentraube um Schaer und er wurde noch weit über die Pause hinaus mit Fragen überhäuft.
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