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03/2020

BAUEN

Modulbau als Marktchance

Die Schneider Holzbau AG ist ein kleines Familienunternehmen mit Traditionsbewusstsein. Zwölf Mitarbeitende sind in Degersheim (SG) für Zimmerei, Schreinerei und Sägerei tätig. Die dritte Generation will Neues wagen: mit einer Tinybar in Modulbauweise. Die Idee hinter dem Projekt erklärt der stellvertretende Geschäftsleiter Marco Schneider im Interview.

Text Dorothee Bauland | Fotos Schneider Holzbau AG

Der Termin, um eine Bar einzuweihen, hätte kaum ungünstiger sein können: Der Prototyp der Tinybar wurde am 20. März fertig – also genau in der Woche, als der Bundesrat wegen der Corona-Krise den schweizweiten Lockdown verkündete. Drei Monate haben die Zimmerleute und Schreiner bis dahin am Prototyp gebaut. Doch auch wenn Geschäftsführer Yves Schneider, der stellvertretende Geschäftsführer Marco Schneider und Produktionsleiter Roman Schneider fürs Erste auf die öffentliche Einweihung ihrer Modulbar verzichten müssen, bereuen sie keineswegs, sich mit dem Modulprojekt auf ein für sie neues Terrain begeben zu haben.


Neben den rund drei Monaten Bauzeit, davon vier Wochen für die Tragkonstruktion, drei Wochen für Fassade, Dachabdichtung und Terrassenbeläge sowie weitere fünf Wochen für den Innenausbau, hat die Schneider Holzbau AG etwa 90000 Franken in ihr Modulbauprojekt investiert. Das Ergebnis ist ein multifunktional nutzbares Modul mit einer besonderen Ausstattung: Es gibt eine Küchenausstattung mit Backofen, Kühlschrank und Spülbecken, zusätzlich ein separates mobiles Barmöbel mit Bierzapfhahn, einen TV-Screen und eine Surround-Soundanlage.


Der Boden des Moduls besteht aus einem Stahlrahmen mit Balkenlage. Die Wände sind als Stabtragwerk (Fichte/Tanne GL28k) ausgebildet, die Wandscheiben mit Birkensperrholz-Beplankung dienen der Aussteifung. Für das Dach wurde eine Balkenlage mit Balkenschuhen montiert, die Akustikdecke ist mit recyceltem PET (SilentPet) ausgeführt. Die ausgedämmte Balkenlage des Bodens wurde aussen mit Alublech als Spritz- und Feuchteschutz und innen mit einem robusten, vollflächig verklebten Vinylboden belegt. Das Ulmenholz für die Küchenfronten kommt aus dem Neckertal und wurde in der eigenen Sägerei der Schneider Holzbau AG eingeschnitten. Beleuchtetes Plexiglas mit Goldgewebe und Ulmenleisten machen die Bar zum Blickfang. Eine ausfahrbare Vordachkonstruktion aus Aluminium erweitert das Modul bei Bedarf.


Die Modulbar misst 7,60 Meter in der Länge, 2,55 Meter in der Breite und ist 3,15 Meter hoch. Damit ist sie perfekt für einen Normaltransport per Lastwagen geeignet. Für kurze Transportstrecken kann die Schneider Holzbau AG sogar einen eigenen Anhänger nutzen, der mit dem Traktor gezogen werden kann. Das Modul wird ohne Kran mit Stockwinden auf- und abgeladen. Für längere Strecken wird die fünf Tonnen schwere Bar auf einen LKW verladen. Zur Befestigung werden Twistlock-Verbinder wie bei einem Schiffscontainer verwendet. Für das Versetzen mit einem LKW-Kran stehen Anschlagspunkte am Dach zur Verfügung. Dafür ist eine Viererkette mit fünf Metern Länge erforderlich.


Herr Schneider, was hat die Schneider Holzbau AG dazu bewogen, einen Architekten mit der Planung einer Modulbar zu beauftragen?
Den ersten Entwurf haben wir noch selbst gemacht. In den letzten Jahren ist ein Trend zum Bau von Minihäusern, sogenannten Tinyhouses, und Modulbauten zu beobachten. Gerne würden wir in diesem Marktfeld mitbieten, da uns diese Art, zu bauen, gefällt und wir ein grosses Potenzial darin sehen. Bisher fehlten uns jedoch die Erfahrung und auch die Kundschaft dafür. Deshalb haben wir ein solches Objekt noch nie bauen können. Um erste Erfahrungen im Modulbau zu machen, haben wir nun einen Prototyp gebaut. Das Modul kann vorgezeigt und für das Marketing verwendet werden. Zum Architekturbüro Jörg & Kuster AG pflegen wir ein enges Verhältnis. Wir wussten, dass auch die Architekten gerne Modulbauten realisieren würden, dies aber ebenfalls noch nie gemacht haben. Also haben wir uns zusammengetan mit dem Ziel, ein Eventmodul an der Immo Messe St. Gallen zu präsentieren; der Architekt in seiner Funktion als Raumgestalter und wir als Produzent.


Mit welcher Absicht wurde das Modul konzipiert?

Das Modul war ein sehr persönlicher Wunsch, da wir die Idee vom kleinen und praktisch eingerichteten Zuhause lieben. Als kleiner, solider Mischbetrieb im Bereich Holzbau und Schreinerei können wir auf viel Erfahrung und kompetente Mitarbeitende zurückgreifen. So sind Geschäftsleitung, Architekt, AVOR, Zimmerleute und Schreiner oft gemeinsam am Tisch gesessen und konnten fein aufeinander abgestimmte Lösungen entwerfen.

Warum ist das erste Modul als Bar und nicht als Wohnraum entwickelt worden?

Wir sind davon ausgegangen, dass niemand unseren Prototyp kaufen möchte, da es eher unwahrscheinlich ist, dass unsere Bedürfnisse mit einem spezifischen Kundenwunsch übereinstimmen. Ein Modul, sei es eine Wohnung, ein Office oder eben eine Bar, kann auf sehr verschiede Art und Weise realisiert werden. Ein Eventmodul hat den Vorteil, dass es individuell adaptierbar ist und ein breites Publikum anspricht. Darum haben wir uns für die Bar entschieden.

Die Tinybar ist der Prototyp. Also sollen weitere folgen?

Sofern eine Nachfrage da ist, werden weitere Module folgen. Wir wagen uns Schritt für Schritt vor und wissen derzeit noch nicht, was auf uns zukommt. Da wir ein kleines Unternehmen sind, werden wir nicht am Laufband produzieren. Das überlassen wir den Grossen. Um die Bekanntheit unseres Projekts zu steigern, werden wir das Modul vorerst vermieten und an eigenen lokalen Events präsentieren. Es sei denn, jemand interessiert sich für genau dieses Modul, dann werden wir es sicher auch gerne verkaufen. Der Prototyp kann an Gewerbeausstellungen, Märkten, Festen, Sport- und Firmenanlässen eingesetzt werden, aber auch als temporäres Büro oder Besprechungsraum dienen. Solange das Modul nicht verkauft ist, steht es bei uns in Degersheim und wird bei Bedarf transportiert. Langfristiges Ziel ist es, damit den privaten Bauherrn zu erreichen, der ein Tinyhouse bauen möchte.

Der Bau des ersten Moduls hat rund drei Monate gedauert. Wird es bei Folgeaufträgen schneller gehen?

Der Prototyp hat viel Zeit in Anspruch genommen, da wir ihn in Eigenregie bauten und dabei unser Tagesgeschäft nicht vernachlässigen konnten. Hinzu kam ein hochwertiger Innenausbau mit Materialien, die teils nicht lagerhaltig verfügbar waren. Die Plexiglaswand mit Goldmesh beispielsweise wurde extra für die Bar angefertigt. Ein Kundenauftrag kann schneller gefertigt werden – sofern kein aussergewöhnliches Materialkonzept vorgesehen ist. schneiderholzbauag.ch, tiny-bar.com, joerg-kuster.ch, klauser-holzplan.ch

Schneider Holzbau AG

Die Schneider Holzbau AG in Degersheim (SG) ist ein traditionelles Familienunternehmen mit zwölf Mitarbeitenden. Gegründet wurde der Betrieb 1954 von Gottlieb Schneider. Heute wird er in dritter Generation geführt: von Geschäftsleiter Yves Schneider (Holzbau-Polier), dem stellvertretenden Geschäftsleiter Marco Schneider (Holzbau-Techniker) sowie Produktionsleiter Roman Schneider (Holzbau-Vorarbeiter). Die Firma umfasst eine Zimmerei, eine Schreinerei und eine Sägerei.