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03/2020

BAUEN

Neues mit Altem wagen: Wie zirkuläres Bauen funktioniert

Bauen mit gebrauchten Baustoffen geht. Es erfordert aber ein Umdenken: bei den Prozessen, in der Kommunikation, in der Planung des Gesamtprojekts sowie für jeden einzelnen Akteur. Getraut hat sich das die Husner AG Holzbau aus Frick. Auf dem Basler Lysbüchel-Areal zeigen Projektleiter Hans Emmenegger und Architekt Oliver Seidel, wie zirkuläres Bauen funktioniert. Ein Bericht über Beharrlichkeit, Herausforderungen und Visionen.

Text Sandra Depner | Fotos Markus Lamprecht, zvg

«Das haben wir schnell», sagt Oliver Seidel vom Baubüro In Situ. Der Architekt greift  in seine Tasche und kramt ein Utensil hervor, das ihn in den vergangenen Wochen nahezu täglich begleitet hat: einen universellen Fenstergriff, schnörkellos, weiss. Warum? «Wir mussten immer wieder Fenster öffnen», sagt Seidel. Er steht vor dem hellen Atrium, steckt den Griff in eines dieser vielen staubigen Fenster ohne Griff. Seidel öffnet das Fenster und damit den Blick in das Herzstück seiner Arbeit: einen Lichthof. Im Erdgeschoss wurde konventionell mit Aluminium und Glas gebaut. Die Besonderheit liegt hier im ersten Obergeschoss: Die Fassade besteht aus zahlreichen unterschiedlichen Fenstern. Das gleiche Bild präsentiert sich an der hundert Meter langen Hauptfassade: ein Holzrahmenbau, angehängt an die Betonstirne, gespickt mit Fenstern von klein bis gross, mal schmal und hoch, mal breit und grossflächig, mal klein und zierlich, mal mit und mal ohne Sprossen. In der Elsässerstrasse 215 auf dem Lysbüchel-Areal in Basel wurde Neues mit Altem gewagt.


Lysbüchel-Areal: Ein Quartier wandelt sich

Das Lysbüchel-Areal, auch bekannt als VoltaNord, ist um Umbruch. Im Jahr 2018 gab das Basler Stimmvolk den Umbau für die 11,6 Hektaren grosse Gewerbe- und Industriezone frei. Die Vision der Stadtregierung: ein Areal, das Wohnen, Leben und Arbeiten vereint. In Zahlen heisst das: bis zu 3000 Arbeitsplätze und Wohnraum für bis zu 1900 Menschen.


Bis 2017 befand sich auf dem Areal das Verteilzentrum von Coop: Das Bauwerk in der Elsässerstrasse 215 fungierte als Drehkreuz für Lebensmittel und Waren für die Nordwestschweiz. Die Pläne des Hochbauamts Basel sehen eine Umnutzung des einstigen Coop-Standorts zum Gewerbe- und Kulturhaus vor; mit einer Bruttogeschossfläche von 40000 Quadratmetern. Beim Bestandsgebäude handelt es sich um einen zweigeschossigen Massivbau aus den 1970er Jahren. Dieser wurde im Rahmen des Umbaus vom Nachbargebäude getrennt. Das Architekturbüro In Situ erhielt den Auftrag, an der nun offenen Fassade eine neue Gebäudehülle zu entwickeln. Beim Anblick der Masse an Abbruchmaterial auf dem Areal kam Architekt Seidel die Idee, die Fassade aus gebrauchtem Material zu bauen. Nichts Neues für das Baubüro In Situ, das sich mittlerweile einen Namen gemacht hat, wenn es um das Thema zirkuläres Bauen geht. Doch ein Projekt dieser Grössenordnung hatten auch die In-Situ-Architekten noch nicht auf dem Schreibtisch.


Die Bauteiljägerinnen: Suche nach dem Material

Wie sich bald zeigte, sollte das Abbruchmaterial bei Weitem nicht genügen: kein Bauholz weit und breit, fehlendes Dämmmaterial, alte und vor allem energetisch unzureichende Fenster, Verunreinigungen mit Asbest. «Bauteiljägerinnen» nennt Seidel seine beiden Kolleginnen, die für die Fassade auf die Suche nach geeigneten Bauteilen gingen. Sie wurden fündig – bei Abbruchunternehmen, in der Bauteilbörse, auf Ricardo oder Tutti sowie bei Unternehmern im Umkreis von 100 Kilometern um die Baustelle. Die Husner Holzbau AG in Frick (AG) erhielt den Auftrag für den Holzbau. Wenn Projektleiter Hans Emmenegger an die Zeit der Planung und Ausführung zwischen Januar und August letzten Jahres zurückdenkt, dann bleibt davon eines speziell in Erinnerung: «Wir mussten spontan bleiben.» Schwierig, für eine Branche, die genau plant und exakt arbeitet. Aber machbar. «Jeder einzelne Baustoff bietet andere, ungewohnte Herausforderungen im Vergleich zu neuem Material», betont der 37-Jährige. Deshalb muss bereits beim Rückbau des Materials vorausdenkend gehandelt werden. «Skepsis war auch ein Thema», gibt der Holzbau-Meister zu. «Zum Beispiel hinsichtlich Wärmeschutz, Brandschutz und was die Absturzsicherung betrifft.» Zu den grössten Herausforderungen zählt Emmenegger die Planung mit und die Beschaffung von Abbruchmaterial und gebrauchten Bauteilen. Wie also geht man damit im Planungs- und Bauprozess um?


200 Fenster: Gesammelt in der Nordwestschweiz

Zeitintensiv war die Suche nach gebrauchten Fenstern. Am Ende stellte sich heraus, dass die geforderte energetische Qualität mit Material ausschliesslich aus Rückbauprojekten nicht zu erreichen war. Nun stammen die 200 Fenster zum Grossteil von Fensterproduzenten und Schreinereien aus der Nordwestschweiz. Sie sind die Überreste von Fehlplanungen, haben Makel oder konnten bei einem Rückbau gerettet werden. Die Fenster wären früher oder später entsorgt worden. Allen gemeinsam ist: Sie sind neuwertig und dreifachverglast. Zunächst erfolgte das exakte Ausmessen der Fenster. Die Daten benötigte Emmenegger zwingend für die Planung der Lochgrössen. Die Fenster wurden in das Werk der Husner AG Holzbau transportiert, dort einer Sichtkontrolle unterzogen, bei Bedarf repariert und nach Baugruppe sortiert. Dann erfolgte der Einbau in die Holzbauelemente.

Das Holz: Alt und Neu kombiniert
Wenn Holzbau-Meister Emmenegger Bauholz braucht, dann bereitet er für gewöhnlich eine Holzliste vor. Oder er schickt dem Händler das 3D-Modell und lässt sich das Holz in den exakten Dimensionen just in time liefern. Bei der Lysbüchel-Baustelle lief das etwas anders ab. Zunächst standen die Suche nach geeigneten Abbruchobjekten und die Verhandlung mit den Besitzern des brauchbaren Baumaterials an. «Je grösser die Querschnitte und -längen, umso besser», sagt Emmenegger. Nach einem möglichst zerstörungsfreien Rückbau ging es damit in die Werkhalle. Dort wurden die Balken gereinigt und von Fremdkörpern befreit. Anschliessend wurde das Altholz in der Sägerei zu Lamellen gesägt, gehobelt, verleimt und zum Endquerschnitt verarbeitet. Zurück im Werk erfolgte dann die Weiterbearbeitung zum Elementbau. Ein Wermutstropfen bleibt: Lediglich 40 Prozent des Bauholzes stammen letztlich aus Rückbauten in Basel, vorwiegend Sparren und Pfetten. Bei den restlichen 60 Prozent handelt es sich um neues Holz, immerhin aus dem Schweizer Wald.

Die Fassadenbleche: Urban Mining auf dem Areal
Zweitausend Quadratmeter Trapezblech verkleiden die Fassade. Es handelt sich um Abbruchmaterial, teils vom Bestandsbau, teils vom benachbarten, ehemaligen Weinlager. Nach einem sorgfältigen Rückbau ging es an das genaue Ausmass mit Stückliste. Emmenegger plante die Unterkonstruktion, abgestimmt auf die Blechdimensionen. Zu klären waren dabei die An- und Abschlussdetails mit neuen Blechen, der Umgang mit alten Löchern der Verbindungsmittel sowie Verfärbungen infolge früherer Blechüberlappungen. Auf der Baustelle wurden die Bleche schliesslich für ihren neuen Einsatz zugeschnitten und montiert. Auch für die Bodengitterroste der einstigen Coop-Bäckerei fand sich eine neue Verwendung. Sie wurden zum Brüstungsgeländer umfunktioniert.

Der Dämmstoff: Container voll Steinwollreste
Gedämmt ist der Holzrahmenbau mit 30 Zentimeter dicker Steinwolle und sechs Zentimeter dicken Holzfaserplatten. Die Steinwollreste stammen direkt aus dem Werk des Herstellers Flumroc. Das Unternehmen sammelt Reste und schmilzt diese üblicherweise zur Weiterverarbeitung ein. Der letzte Schritt wurde für das Lysbüchel-Projekt ausgelassen. «150 Kubikmeter Dämmmaterial ist enorm viel», betont Architekt Seidel. Es waren vier Container voller Steinwollreste, die im Werk der Husner AG Holzbau Stück für Stück, unter möglichst wenig Lufteinschluss, in das Holzelement eingebaut wurden. Hohlräume sind mit Steinwollgranulat gefüllt.

Der Beginn einer lebendigen Kulturszene
Mitte 2020 soll der Grundausbau an der Elsässerstrasse 215 abgeschlossen sein. Ab dann darf und soll hier, neben dem Gewerbe, das Kulturleben florieren. Für die beiden Untergeschosse interessiert sich ein Clubbetreiber. Das Erdgeschoss bietet sich mit 2500 Quadratmetern als Ort für Veranstaltungen, Messen oder private Feiern an. Im ersten Obergeschoss entsteht die Boulderhalle Basel – eine Kletterhalle auf 1500 Quadratmetern – direkt neben der neuen Doppelsporthalle, die für die benachbarte Schule erstellt wird. Weitere Büro- und Gewerbeeinheiten im Obergeschoss sind durch Kalksteinwände voneinander abgetrennt, Böden werden ausgebessert, Sanitäreinlagen eingebaut. Seidel schliesst das Fenster und steckt den Fenstergriff in seine Jacke. Er wird den Griff noch ein paar Wochen benötigen. Mit dem beginnenden Mieterausbau Mitte des Jahres sollen alle Fenster mit eigenen Griffen ausgestattet sein. insitu.ch

Husner AG Holzbau

Die Husner AG Holzbau ist ein Schweizer Bauunternehmen mit Niederlassungen in Frick (AG), Basel und Zürich. Zu den Kompetenzen zählen die Zimmerei, der Holzelementbau sowie der Fassadenbau. Als Gesamtleisterin realisiert sie sämtliche Bauten in Holzbauweise. Die Husner AG Holzbau beschäftigt rund 70 Mitarbeitende, davon zehn Lernende, und gehört zur Erne-Gruppe. Die 1948 gegründete Firma ist Mitglied von Holzbau Schweiz, Holzbau Plus und Holzbau Vital. husner.ch


Lysbüchel-Areal

Objekt: Umbau Gewerbe- und Kulturhaus, Basel Besonderheit: Fassade aus Abbruch- und Recyclingmaterial Baujahr Bestand: 1970er Jahre Umbau: 2018 – 2020 Bauherrschaft: Bau- und Verkehrsdepartement des Kantons Basel-Stadt, Hochbauamt, Basel Architektur: Baubüro In Situ AG, Basel Holzbau: Husner AG Holzbau, Frick (AG) Holzbauingenieur: Erne AG Holzbau, Laufenburg (AG) Baukosten Holzbau: CHF 660000.– für Fassaden, Schneise und Innenhof Fläche Fassade: 1017 m2 Holzmenge: 25 m3 Altholz, 45 m3 Schweizer Fichtenholz (neu)