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05/2019 Aufgestockt

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WorldSkills 2019: Ein Zimmermann gegen den Rest der Welt

Im August dieses Jahres finden die WorldSkills statt. Der junge Zimmermann Rafael Bieler vertritt in Kasan seinen Beruf und die Schweiz. Die Vorbereitungen für den Wettkampf sind intensiv. Denn die Weltmeisterschaft unterscheidet sich von den europäischen und Schweizer Meisterschaften in vielen Aspekten.

Text Ramona Ronner | Fotos Adrian Wenger, Ramona Ronner

In knapp zwei Monaten ist es endlich so weit. Der amtierende Vize-Europameister und Vize-Schweizermeister von 2017 Rafael Bieler reist an die WorldSkills im russischen Kasan. Im November 2018 setzte er sich in der Vorausscheidung gegen seine Kollegen durch. Seit Anfang Jahr übt er in den verschiedenen Betrieben ehemaliger WM-Teilnehmer, unter anderem bei seinem Trainer Adrian Wenger. Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in einem Betrieb in Dänemark kann sich Bieler einmal vorbereiten.

Bis jetzt haben sich Wenger und Bieler in den Trainingseinheiten vor allem auf die Handhabung der verschiedenen Maschinen konzentriert. Zuvor – bei den SwissSkills und der Europameisterschaften – wurde nämlich noch alles von Hand gemacht. Nun verlagert sich der Fokus mehr auf den Faktor Zeit. Denn die muss der Kandidat an einem solchen Wettbewerb perfekt im Griff haben. «Es lohnt sich, einen genauen Plan zu machen, wenn die Wettbewerbsaufgabe ausgehändigt wird», sagt Adrian Wenger. Der Zeitplan für die Vorbereitungen sieht derweil noch Trainings bis zum Termin des Materialverlads vor. Das Material wird einen Monat vor dem Wettbewerb mit Lastwagen nach Kasan transportiert. Die Organisation im Vorfeld ist nicht so einfach, denn die russischen Zollbestimmungen sind sehr streng. Nur standardisierte Kisten sind zugelassen. Dazu müssen für alle mitgebrachten Maschinen und sonstiges Material Fotos beigelegt werden. Auch die Seriennummer jedes einzelnen Objekts soll fotografiert und zusammen mit den anderen Gütern auf einer Liste vermerkt werden. Um den Transport selbst kümmert sich dann SwissSkills.

Vier Tage Wettkampf
Einige Wochen nach dem Materialverlad fliegt kurz vor Wettbewerbsbeginn das SwissSkills-Team gemeinsam nach Russland – auch die Schweizer-Teilnehmenden der anderen Berufe. Bevor das offizielle Programm beginnt, hat das Schweizer Team noch etwas Zeit, um sich an die Zeitumstellung zu gewöhnen und die Natur rund um Kasan zu geniessen. Zwei Tage vor dem Wettkampf können sich die Teilnehmenden dann am Wettbewerbsplatz einrichten. Am Abend des 21. August wird die grosse Eröffnungsfeier stattfinden. Dann heisst es schliesslich vier volle Tage lang: Weltmeisterschaft. 19 Kandidaten aus der ganzen Welt treten in der Berufskategorie der Zimmerleute gegeneinander an.

Die Berufsweltmeisterschaft spielt in einer ganz anderen Liga, als es letztes Jahr noch bei der EM in Luxemburg der Fall war. Das liegt unter anderem daran, dass viel mehr Länder beteiligt sind. Neue Teilnehmer wie China und Gastgeber Russland trainieren im Vorfeld intensiv. Die Kandidaten arbeiten jahrelang nur auf diesen einen Moment hin und gehen nebenher keiner gewöhnlichen Arbeit nach. Ganz im Gegensatz zu Rafael Bieler. Er muss viel Freizeit für die Teilnahme hergeben. Bieler bleibt oft am Abend länger im Geschäft oder kommt am Samstag in den Betrieb, um privat zu trainieren. «Zurzeit trainiere ich wie ein Spitzensportler», sagt Bieler. Sein Arbeitgeber Beer Holzbau AG unterstützt ihn bei der grossen Aufgabe sehr. Er gebe ihm stets die Zeit, die er für die Trainings und Veranstaltungen brauche.

Neue Dimensionen
Die Weltmeisterschaft unterscheidet sich nicht nur bezüglich Trainingsintensität von der Schweizer- oder Europameisterschaft. «Es ist fachlich zwar einfacher, jedoch mental fordernder», erläutert Trainer Wenger. Dem stimmt auch Bieler zu: «Die Erwartungen an mich sind höher. Bei den vorherigen Wettkämpfen wirkte es doch eher wie ein Hobby.» Doch die Freude überwiegt. Er hat zum Beispiel die Chance, viele interessante Menschen kennenzulernen, auch solche von ganz anderen Berufen. Der Rückhalt im gesamten Team sei gross, meint der 21-jährige Zimmermann. Für die Betreuung des Teams ist Michael Hürbin zuständig. Durch regelmässige Treffen der WorldSkills-Truppe wird zusätzlich eine vertraute Umgebung geschaffen.

Rafael Bieler ergänzt: «Die Erfahrung hilft mir, doch die Dimensionen sind ganz andere.» Immerhin wird Bieler seine europäischen Konkurrenten voraussichtlich bereits von der Europameisterschaft kennen. Jedes der 19 Teilnehmerländer stellt einen eigenen Experten. Diese werden dann zu kleinen Einheiten zusammengestellt und beurteilen gemeinsam je eine Kandidatengruppe. Über alle Gruppen hinweg ist Adrian Wenger Chefexperte und koordiniert diese. Das Hauptkriterium für die Bewertung der Kandidaten ist die Massgenauigkeit. Sie macht etwa 50 Prozent der Beurteilung aus. Etwa 25 Prozent zählt die Einhaltung der Zeit und der Spielregeln. Der letzte Viertel bezieht sich auf die schöne und passgenaue Verarbeitung. Bei den europäischen und Schweizer Wettkämpfen legt man genau auf diesen Punkt stets am meisten Wert.

Um sich auf diese Aufgabe vorzubereiten, werden von WorldSkills Pläne für Testobjekte bereitgestellt. Diese entsprechen weitgehend den möglichen Prüfungsaufgaben. Nur etwa 30 Prozent wird noch abgeändert. «Wir probieren einfach alle Variationen aus, sodass Rafael für alles gewappnet ist», sagt Wenger. «Auf Kommando diese Leistung abzurufen, wird dennoch herausfordernd sein», entgegnet Rafael Bieler. Sein Trainer ergänzt, dass es besonders schwierig sein könne, die Konzentration über alle vier Tage aufrechtzuerhalten. Um sich auf diese Schwierigkeit und den Druck vorzubereiten, finden gemeinsame Mentaltrainings im Schweizer WorldSkills-Team statt. Zudem hat Bieler auch noch Einzeltermine mit einem Mentalcoach. Unterstützt wird er auf jeden Fall auch von seinen Eltern, die nach Kasan reisen und ihrem Sohn vor Ort die Daumen drücken werden, sein Ziel zu erreichen. Denn Bieler und Wenger sind sich einig: «Wir wollen eine Medaille gewinnen.»

swiss-skills.ch