«Mit Holz leisten wir einen Beitrag gegen das Klimaproblem»

Pirmin Jung denkt gross. Für ihn sind Aufgaben da, um sie zu lösen. Nicht von ungefähr ist er mit seinem Team in viele renommierte Holzbauprojekte im In- und Ausland involviert. Zurzeit liegt der Flughafen Zürich auf dem Planungstisch. Sein Bürogebäude, das Haus des Holzes, besteht natürlich aus Schweizer Holz.

Warum ist es für viele schwierig, mit Schweizer Holz zu bauen?
Das ist vielschichtiges Thema. Eigentlich ist es eine Marktfrage, denn im Grundsatz möchte jeder das Holz vor dem Haus nutzen. Wir Holzbauingenieure schreiben seit zwölf Jahren in jede Ausschreibung zusätzlich die Position mit dem Mehr- oder Minderpreis von Schweizer Holz. So können wir der Bauherrschaft angeben, wie viel das Holz auf dem freien Markt kostet und wie viel Schweizer Holz. Aktuell liegt der Mehrpreis von Holzbauten in Schweizer Holz im einstelligen Prozentbereich. Viele Bauherren rechnen und denken: Warum soll ich diesen Mehrbetrag für die Schweiz ausgeben? Die Antwort ist: für die Heimatliebe. Und da müssen wir den Bauherrschaften den Mehrwert aufzeigen können: Der Mehrwert ist nicht eine bessere Qualität, sondern die Sicherung unserer Arbeitsplätze und die Nutzung des Waldes.

Warum ist die Nutzung des Waldes ein Mehrwert?
Der Wald leistet viel für uns: Er ist Sauerstofflieferant, Landschaftsgestaltung und Windschutz, der grösste Wasserspeicher, Ort für 60 Prozent der Biodiversität und Erholungsgebiet. Darum sollten wir den Wald schützen, das heisst, ihn nutzen und klimafit machen.


«Heute geht es mir um Über­geordnetes: Denke global, handle lokal»


Woher kommt nun der Preisunterschied?
Die deutsche Sägerei zahlt gleich viel für den Kubikmeter Rundholz wie wir in der Schweiz. Kürzlich habe ich eine Abrechnung aus dem Jahr 1952 gesehen: Der Förster erhielt für den Kubikmeter Holz 95 Franken. Heute erhält er fast gleich viel! Inflationsbereinigt müsste der Preis bei 600 Franken liegen! Doch zurück: In der Schweiz sind unter anderem die Löhne und die Bodenpreise höher. Noch ein Thema: Holz hat zusammen mit dem Wein keinen Grenzschutz, das heisst, es werden keine Zollgebühren erhoben. Wir müssen andere Lösungen finden. Die Politik versucht, Leistungen des Waldes zu definieren, die neben dem Holzverkauf vergütet werden können.

Welche Waldleistungen könnten vergütet werden?
Zum Beispiel der Stundenlohn für die Jung­schutzpflege oder eine Abgabe für die Nutzung der Wege. Im Wald ist alles gratis, jeder darf sammeln und mitnehmen, was herumliegt. Die Waldeigentümer hingegen tragen die Verantwortung, wenn ein Ast herunterfällt. Darum sollte den Waldeigentümern mehr gegeben werden. Sie sollen sich um den Wald kümmern und das gibt Schweizer Holz. Das Label bekannt zu machen, ist wichtig, die Konsumenten sind bereit, etwas mehr für Schweizer Produkte zu bezahlen.


«Abgänger von Wirtschaftshochschulen sollten nicht auf einer Bank arbeiten wollen, sondern in Firmen, die weltweit mit Holz etwas bewegen»


Was trieb Sie an, im Alter von 27 Jahren ein eigenes Büro zu gründen?
Nach der Erdölkrise gab es Ideen, mit dem Schweizer Holz Erdöl zu substituieren, andere Leute fanden, wir könnten damit bauen. Das war der Start für die Sturm- und Drangzeit für uns junge Ingenieure: Wir lernten, was mit Holz alles möglich ist. Das finde ich heute noch spannend: eine Aufgabe zu haben und die Lösung zu suchen. Ich sehe nie ein Problem, immer nur Aufgaben. Lösungen entwickeln, die Bauherrschaft überzeugen, dass Bauen mit Holz möglich ist, warum sich die Kosten lohnen, das gefällt mir. Auch Kons­truktionen zu entwickeln, die kaum teurer sind als der Massivbau. Das ist mein Ding.

Was ist heute Ihre Motivation?
Heute sind wir fast 140 Mitarbeitende. Ich mag immer noch die Statik, entwickle gerne Tragwerkkonzepte. Heute geht es mir aber um Übergeordnetes: Denke global, handle lokal. Ich sehe, wie wir mit Holz einen Beitrag gegen das Klimaproblem leisten können. Wir können CO2 im Gebäudepark langfristig einspeichern. Das ist eine riesige Aufgabe für die Holzbranche, es gilt Lösungen zu entwickeln, nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit. Wir können diese Länder unterstützen, die Wälder zu bewirtschaften, das Holz herausholen, andere Baumarten pflanzen, damit der Wald klimaresistent wird. Darum engagieren wir uns auch für Plant-for-the-Planet.

Wie gehen Sie da vor?
Im Moment sind wir in einem Pflanzgebiet in Mexiko engagiert. Doch wir überlegen, was wir mehr als das Pflanzen von Wäldern tun können. Müssten wir nicht vor Ort zeigen, wie man den Wald nachhaltig nutzt und das Holz weiter verarbeitet?

Was kann die Gesellschaft tun?
Holz ist begehrt, nicht nur fürs Bauen, auch Papier und Karton sind im Aufschwung. Weltweit werden 54 Prozent des Holzes verbrannt. Rund ein Drittel gehen in die Papier- und Karton­industrie und nur wenig, etwa 12 Prozent, wird zum Bauen und für Möbel genutzt. Das sind die Herausforderungen. Jeder kann sich mit seinem Konsum entsprechend verhalten, zum Beispiel kein Einweggeschirr verwenden. Das ist ein Unding. Es darf keinen Einweg geben! Auch hier wieder: Denke global, handle lokal.

Inwiefern hat sich der Holzbau verändert?
Holz ist der Baustoff des 21. Jahrhunderts. Hochschulen erforschen weltweit das Material und viele neue Fachleute kommen in die Branche. Uns sollte auch gelingen, dass Abgänger der Wirtschaftshochschulen nicht auf einer Bank arbeiten wollen, sondern in Firmen, die weltweit mit Holz etwas bewegen. Dass das wirtschaftliche Umfeld der Holzbranche erkannt wird, bei Versicherungen, in der Industrie, dass dort sinnvolle Arbeit wartet. Wir aus der Holzbranche sind gefordert, den Hochschulen Studienprojekte anzubieten, Diplomarbeiten vorzuschlagen.

Welche Visionen haben Sie für den Schweizer Holzbau?
Es geht immer um das Vertrauen. Darum sind Leuchtturmprojekte wichtig. Seit das 60 Meter hohe Haus in Rotkreuz steht, muss ich keine Überzeugungsarbeit mehr leisten, ich sage nur: Schaut euch das Hochhaus an! Geht hinein, klopft an die Stützen. Das gibt Vertrauen. Ich selbst glaube, wir können mit Holz über 200 Meter hoch bauen, ohne Betonkern, aber mit der richtigen Architektur. Der Markt liegt aber bei grossen Mengen von Bauten mittlerer Höhe: Mehrfamilienhäusern Bestandsbauten, Anbauten, Aufstockungen. Es gilt, Substanzen zu erhalten oder auch Standards für Schulhäuser und Zwischenbauten zu entwickeln.

Wie ist der Stand des Docks A für den Flughafen Zürich?
Das Vorprojekt ist abgeschlossen, im Winter beginnt die Projektphase und ab 2031 soll der Holzbau montiert werden. Über die Holzbeschaffung macht sich das Projektteam auch Gedanken: Was ist der beste Weg, damit wir das richtige Holz, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort haben? Und wie können wir die Preisschwankungen des Holzes abfedern, damit der Bauherr diesen weniger ausgesetzt ist?


«Ich sehe nie ein Problem, immer nur Aufgaben»


 

 

Zur Person
Als gelernter Zimmermann bildete sich ­Pirmin Jung zum dipl. Ingenieur FH/SIA Fachrichtung Holzbau an der Hochschule in Biel weiter. Nach einem Praktikum bei Natterer und Dittrich GmbH in München gründete er in Rain (LU) ein eigenes Ingenieurbüro für Holzbau. Das Unternehmen hat heute mehrere Standorte in der Schweiz und in Deutschland und beschäftigt insgesamt rund 140 Mitarbeitende. Pirmin Jung (56) hat mit seinem Team den Holzbau tragend mitgestaltet. Er verwirklichte auch das Haus des Holzes in Sursee, in dem die Büroräume der Pirmin Jung Schweiz sowie Mietwohnungen untergebracht sind.
pirminjung.ch