«Wir müssen uns bewegen!»

Enrico Uffer ist ein leidenschaftlicher Unternehmer. Umtriebige KMU seien wichtig für die Schweiz, sagt er und setzt sich mit der Uffer Gruppe stark in der Region Surses im Kanton Graubünden ein. Aktuell ist er mit dem Aufbau eines eigenen Sägewerks beschäftigt.

Das Unternehmen Uffer ist seit über hundert Jahren in Savognin verankert, umgeben von Wald. Wie hat sich die Holznutzung verändert?
Graubünden besteht aus riesigen Waldflächen, die bewirtschaftet werden müssen. Viel davon ist Schutzwald, der besonders gepflegt werden muss. Trotz dieser guten Ausgangslage ist das Grosssägewerk in Domat/Ems gescheitert. Das Thema Holzindustrie stellt seither im Kanton ein rotes Tuch dar. Seit dem Konkurs und der Schliessung des Werkes vor 14 Jahren entwickelte sich nichts mehr. Der Wald überaltert und ein grosser Teil des Holzes, das geerntet wird, verschwindet unbearbeitet im Ausland. Hier die Zahlen aus 2022: In der gesamten Schweiz wurden 2,1 Millionen Kubikmeter Holz eingeschnitten, davon in Graubünden nur 25 000 Kubikmeter oder anders ausgedrückt 1,2 Prozent.

Warum ist das so?
Es gibt im Kanton Graubünden keine Holzindustrie. Es fehlt an der Erstveredelung – dem Sägen – und der Zweitveredelung – dem Hobeln und Leimen. Die kleinen Sägereien sind vielfach eingegangen, weil sie nicht rentabel waren. Aus diesem Grund haben wir heute eine grosse Abhängigkeit vom Ausland, die sich in der Pandemiezeit deutlich zeigte. Holz war plötzlich nicht wie gewünscht verfügbar, der Preis stieg unverhältnismässig. Unsere Kundschaft fragte mit Berechtigung: Was ist mit dem Holz da draussen? Da war mir klar: Wir haben die Glaubwürdigkeit verloren. Wir sprechen von Ökologie und Holzhäusern und sind nicht in der Lage, unsere eigene Holzressource einzusetzen. So entstand die Vision Resurses2025.


«Ein grosser Teil des Holzes, das geerntet wird, verschwindet unbearbeitet im Ausland»


Was ist Resurses2025?
Die Vision Resurses2025 soll die Holzindustrie in Graubünden wiederbeleben. Wir haben eine der letzten Gemeindesägereien übernommen, sie neu entwickelt und aufgebaut und werden ab 2025 rund 70 000 Kubikmeter Rundholz einschneiden. Dahinter steckt die Idee, dass wir eine regionale Erstveredelung schaffen. Die Waldbesitzer – im Kanton Graubünden gehört der Wald zu 90 Prozent den Gemeinden – müssen eine solide Wertschöpfung erzielen können. Das ist nur möglich, wenn alle involvierten Parteien, vom Waldbesitzer bis zum holzverarbeitenden Gewerbe, gemeinsame Ziele verfolgen und dafür sorgen, dass die regionalen Holzketten durchgehend geschlossen werden. Wer profitiert, soll Verantwortung übernehmen – so einfach ist das.

Sind die Gemeinden für solcheVisionen zu gewinnen?
Sie sind dabei, wenn sie mitprofitieren können. Das war in Vergangenheit mit der Sägerei in Domat/Ems nicht gegeben (siehe Kasten, Anm. d. Red.) Es ist ein Fluch und ein Segen, wenn der Wald der öffentlichen Hand gehört. Die Förster der Gemeinden arbeiten nicht renditeorientiert. Das ist verständlich, hat aber zur Folge, dass nicht kostendeckend gearbeitet wird. Nicht was finanziell interessant wäre, wird gemacht, sondern das, was sich schon jahrelang bewährt hat. Wir sollten gemeinsam versuchen, den Spagat zwischen nachhaltig schützen und wirtschaftlich nützen zu schaffen. Dafür benötigt es Demut und Anreize.

Was ist Ihre unternehmerische Motivation?
Ich finde es spannend, etwas zu entwickeln, das wirtschaftlich und auch «enkeltauglich» ist. Heute etwas Gutes tun, was auch in Zukunft funktioniert. Das zusammenzubringen, motiviert mich. Erstaunlicherweise stossen wir auf viel Interesse. Die Finanzierung des Sägewerks war zum Beispiel nicht die grösste Schwierigkeit. Es gab mehrere Unternehmen und Investoren, die bereit waren, Verantwortung zu übernehmen. Die grös­sere Hürde war, alle relevanten Stake­holder aufeinander abzustimmen. Die Auflagen der Behörden und Umweltorganisationen waren schon gewaltig. Mehr Verständnis für Primär- und Sekundär­industrie würde unserem Land guttun.

Könnte man nun weitere Sägereien realisieren?
Ja natürlich, Resurses ist das Initialwerk. Die Vision beinhaltet, dass anderen Regionen auch aktiv werden, damit genug Holz für eine effiziente Zweitveredelung von Schweizer Holz für den natio­nalen Baumarkt zusammenkommt. Dass in der Schweiz die Produktion zu teuer ist, ist eine Ausrede. In einem auto­matisierten Sägewerk betragen die Lohnkosten noch 10 bis 12 Prozent. Die höheren Landkosten gleichen sich mit kürzeren Transportkosten etwa wieder aus. Es gibt keine Gründe, warum sich in der Schweiz keine Holzindustrie entwickeln kann. Aber: Man muss sich bewegen! Wir brauchen Menschen, die eine Sache anpacken, jeden Tag daran arbeiten, daran glauben und nicht aufgeben, bis das Projekt auf dem Markt ankommt. Das wäre grundsätzlich eine Stärke der Schweizer KMU.


«Man muss selbst mit gutem Beispiel vorangehen»


Wie können weitere Unternehmen zum Handeln gebracht werden?
Man muss selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Darum ist das Initialwerk Resurses2025 auch so wichtig. So können wir vielleicht andere motivieren und ihnen Mut machen.

Was sind die nächsten Pläne?
Sobald das Initialwerk fertiggestellt ist, müssen wir damit eine stabile, wirtschaftliche Basis erarbeiten. Das ist im aktuellen Wirtschaftsumfeld keine einfache Aufgabe. Dann gehen wir Schritt für Schritt weiter und versuchen mit weiteren Partnern aus der Holzindus­trie dafür zu sorgen, dass mehr Schweizer Holz im Schweizer Gebäudepark landet. Das würde uns auch helfen, die Herausfor­de­run­gen rund um die Klima­erwärmung anzugehen. Dafür brauchen wir die Unterstützung des Bundes und von den Kantonen. Wir werden sehen, ob von dieser Seite in Zukunft etwas mehr kommt …

Wie steht die Tourismusbranche zum Thema Schweizer Holz?
Die Tourismusdestinationen stehen unter grossem Druck und sind gezwungen, ihre Produkte und Dienstleistungen nachhaltiger zu gestalten. Der zukünftige Gast will ein Hotel aus Schweizer Holz mit Schweizer Fleisch und Schweizer Käse. Wir spüren sehr stark die Sensibilität der Märkte für regionale Bedürfnisse. Unsere Gäste fordern von uns aber auch Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Um glaubwürdig zu sein, gehört zur Hintergrundgeschichte gleich auch die authentische Umsetzung. Graubünden liebt seine Pioniere, dank ihren Bauten hat sich der Tourismus gut entwickelt. Auch der Schweizer Holzbau hat Pionierarbeit geleistet und sich positiv weiterentwickelt. Bald folgen Projekte mit internationaler Ausstrahlung, wie das Dock A am Flughafen Zürich oder das InnHub in La Punt. Wenn wir solche Projekte mit Schweizer Holz versorgen wollen, müssen wir jetzt aufhören, unseren Rohstoff ins Ausland zu verscherbeln.

«Wir sollten gemeinsam versuchen, den Spagat zwischen nachhaltig schützen und wirtschaftlich nützen zu schaffen»

Enrico Uffer

Zur Person
Enrico Uffer lernte Zimmermann, besuchte die Bauschule Aarau und studierte Betriebswirtschaft. Aus dem elterlichen Betrieb hat er in den letzten 15 Jahren die Uffer Gruppe in Savognin (GR) mit 120 Mitarbeitenden entwickelt. Diese besteht aus den Bereichen Planung, Holzbau, dem Modulbau Quadrin, dem Sägewerk Resurses und der Stiftung Pignaverde. Der 53-Jährige ist ein leidenschaftlicher Unternehmer. Er ist in der Tourismusregion Savognin aufgewachsen und hat es in den Genen, Gastgeber zu sein und für Erlebnisse zu sorgen. Uffer entwickelt mit grosser Lust Produkte für neue Märkte und setzt diese auch um. Die Umsetzung der Vision Resurses2025 sieht er als seine Verantwortung als Holzbauunternehmer. uffer.swiss


Das Scheitern der Sägerei Domat/Ems
2010 ging die grösste Sägerei der Schweiz in Domat/Ems (GR) nach dreieinhalb Jahren Betrieb in Konkurs. Besitzer war die österreichische Mayr-Melnhof Swiss Timber AG. Das Bündner Parlament hatte kurz zuvor den Kantonsbeitrag von 6,75 Millionen Franken an ein Pelletwerk verworfen. Damit hätte sich die Sägerei neu ausrichten können. Darauf versuchte die Tiroler Pfeifer-Gruppe, den Sägereibetrieb in Schwung zu bringen. Das Vorhaben scheiterte, weil sich die Betreiber und die Holzmarktkommission nicht über den Preis der Holzlieferungen einig wurden. Im Sommer 2011 erwarb die Klausner Holz Thüringen GmbH das Sägewerk, baute die Anlage in Ems ab und in Florida wieder auf. Später erwarb Hamilton (Life-Science- und Medizintechnik) einen Teil des Geländes und erstellte dort ein Produktionsgebäude.